US-Wahlkreise: Wie sich Parteien ihren Sieg zurechtschneiden
Autor: Jan Christoph Freybott, dpa
, Samstag, 16. Mai 2026
Vor den US-Zwischenzahlen basteln sich Demokraten und Republikaner vorteilhafte Wahlkreise. Die Praxis wirft auch die Frage auf, wer eigentlich wen wählt: die Wähler ihre Politiker - oder umgekehrt?
Wie bizarr der Neuzuschnitt von Wahlkreisen in den USA enden kann, zeigte sich zuletzt an einer einfachen Kreuzung in der Kleinstadt Millcreek. Nicht zwei, nicht drei, sondern vier verschiedene Bezirke des Bundesstaates Utah konnte man hier zeitweise zu Fuß erreichen - je nachdem, in welche Richtung man ging. Millcreek ist ein Extrembeispiel für die Praxis des «Gerrymandering». Der Zuschnitt von Wahlkreisen zugunsten der eigenen Partei könnte bei den Kongresswahlen im November das Zünglein an der Waage sein.
«Gerrymandering» ist fast so alt wie die Vereinigten Staaten selbst - und doch ist das Thema so brisant wie lange nicht. Denn die Parteien gehen ein halbes Jahr vor den wichtigen Zwischenwahlen immer aggressiver vor, nicht zuletzt auf Druck von Präsident Donald Trump.
Experten warnen, die Praxis beraube demokratische Wahlen ihrer Legitimität, weil sich Wähler nicht mehr ihre Vertreter aussuchten, sondern umgekehrt. Am Ende, so die Kritik, komme es nur noch auf einige wenige Bezirke an, in denen die Wähler tatsächlich eine ausgangsoffene Wahl hätten.
Mehrheiten werden aufgespalten, bis die Stimmen verpuffen
Die Stadt Millcreek ist dabei ein Paradebeispiel. Vier Wahlbezirke gibt es in Utah, nahezu im gesamten Bundesstaat liegen die Republikaner vorn - nicht aber im Ballungsraum Salt Lake City, zu dem auch Millcreek gehört. In der Folge entwarfen die Republikaner die vier Bezirke so, dass alle vier stark republikanischen Wahlkreise einen Teil des Ballungsraums einschlossen, um die demokratischen Stimmen damit quasi zu neutralisieren. Wer die Mehrheit in einem Bezirk holt, gewinnt den Sitz im Repräsentantenhaus.
Mittlerweile haben Gerichte den Neuzuschnitt in Utah wieder kassiert - doch der Kampf darum nimmt im ganzen Land Fahrt auf. Das «Gerrymandering» habe in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen, sagt Todd Belt, Professor für Politikwissenschaft an der George Washington Universität, der Deutschen Presse-Agentur. «Leider hat dieser Prozess dazu geführt, dass es im 435 Abgeordnete zählenden Repräsentantenhaus nur noch etwa 36 wirklich umkämpfte Wahlkreise gibt», sagt Belt. Vor etwa zehn Jahren seien es noch 60 gewesen.
Ein echter Wettbewerb zwischen den Parteien sei für eine repräsentative Demokratie aber essenziell, warnt Belt. Das «Gerrymandering» werde so zum Problem für die Demokratie.
Trump fordert Republikaner auf, alles herauszuholen
Üblich ist, dass die Wahlkreise nach der Volkszählung zu Beginn jedes Jahrzehnts neu zugeschnitten werden, damit in allen Kreisen ungefähr gleich viele Menschen leben. Doch mit dieser Tradition scheint es angesichts der vielen Neuzuschnitte vorbei zu sein. Das hat vor allem zwei Gründe.