Schicksalswahl in Israel: Es geht um mehr als Netanjahu
Autor: Sara Lemel, dpa
, Sonntag, 25. Oktober 2026
Kann Netanjahu trotz des Versagens vom 7. Oktober und dreier harter Kriegsjahre seine Macht behaupten? Oder gelingt es der liberaleren Opposition, ihn nach Jahren an der Regierungsspitze abzulösen?
Kein israelischer Ministerpräsident hat sich so lange an der Macht gehalten wie Benjamin Netanjahu. Zugleich hat kaum einer das Land so tief gespalten und international so viel Ablehnung auf sich gezogen. Bei der Parlamentswahl am Dienstag steht deshalb viel auf dem Spiel: Zwischen dem rechtsreligiösen Regierungslager um den 76-Jährigen und dem liberaleren Oppositionslager zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen ab. «Die Umfragen zeigen ein Patt - ich bin besorgt», sagte Netanjahu kurz vor der Wahl. Gelingt es dem rechtskonservativen Likud-Chef erneut, seine Macht zu sichern - oder schafft es die Opposition diesmal, ihn abzulösen?
Für viele Israelis geht es bei dieser Wahl um nicht weniger als die Zukunft ihres Landes - und die Frage, ob seine liberale Demokratie Bestand haben kann.
Militärische Erfolge, internationale Isolation
Regierungschef Netanjahu kämpft bei der Wahl um sein politisches Überleben. In seiner langen Karriere hat er sich immer wieder aus scheinbar aussichtslosen Lagen befreit. Doch diesmal lastet vor allem das Versagen vom 7. Oktober 2023 schwer auf ihm: Damals drangen Tausende Terroristen aus dem Gazastreifen nach Israel ein, töteten rund 1.200 Menschen und verschleppten mehr als 250 weitere. Netanjahu ist der einzige der damals führenden Entscheidungsträger, der noch immer im Amt ist.
Eine persönliche Verantwortung für das schlimmste Massaker in Israels Geschichte weist er zurück. Auch eine staatliche Untersuchungskommission lehnt er ab. Im Wahlkampf setzt er stattdessen auf die militärischen Erfolge, die er für sich im Kampf gegen den Iran und dessen Verbündete Hamas und Hisbollah reklamiert. Experten verweisen jedoch darauf, dass Netanjahu keines seiner Kriegsziele erreicht hat, darunter die komplette Zerschlagung der Hamas.
Rückendeckung erhält Netanjahu von US-Präsident Donald Trump, der sich ausdrücklich für eine erneute Amtszeit des Likud-Chefs aussprach.
International steht Netanjahu wegen der Kriegsführung im Gazastreifen mit Zehntausenden Toten jedoch massiv in der Kritik. Der Internationale Strafgerichtshof erließ im November 2024 wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit einen Haftbefehl gegen ihn.
Regierungswechsel auch bei Vorsprung der Opposition ungewiss
Als wichtigster Herausforderer Netanjahus gilt Ex-Generalstabschef Gadi Eisenkot. Seine in der politischen Mitte angesiedelte Partei Jaschar könnte laut Umfragen Netanjahus rechtskonservative Likud-Partei als stärkste Kraft im Parlament ablösen. Doch selbst ein solcher Wahlerfolg würde Eisenkot nicht automatisch ins Amt des Ministerpräsidenten bringen: Keines der beiden politischen Lager kann derzeit mit einer eigenen Mehrheit rechnen.