Politik, Monarchie, Geografie: So tickt das begehrte Kanada
Autor: Alicia Windzio und Marc Fleischmann, dpa
, Donnerstag, 17. Sept. 2026
Während der US-Präsident Kanada gerne zum 51. Bundesstaat machen will, lockt die EU mit einer Art Mitgliedschaft. Wie das Riesenland in politischen, gesellschaftlichen und geografischen Fragen tickt.
Kanada ist das zweitgrößte Land der Erde – und doch bestimmt der kleinere Nachbar im Süden einen großen Teil seiner wirtschaftlichen Realität: Die beiden Länder stecken in einem tiefen Handelsstreit. US-Präsident Donald Trump hat zudem wiederholt damit gedroht, Kanada zum 51. Bundesstaat der Vereinigten Staaten zu machen. Die EU will das Land nun zu einem «assoziierten Mitglied» machen. Wie der begehrte Riese aus Nordamerika aufgestellt ist - vom politischen System über die wirtschaftliche Lage bis zur Einwanderungspolitik.
Föderalismus prägt Kanadas politische Ordnung
Kanada ist föderaler organisiert, als es von außen oft wirkt. Das bedeutet, die Regierung und Provinzen teilen sich die staatlichen Zuständigkeiten, die in der Verfassung festgelegt sind. Auch die Einnahmequellen sind zwischen den Regierungsebenen aufgeteilt, damit beide eigenständig handeln können. Dieser Föderalismus soll sprachliche, wirtschaftliche und kulturelle Unterschiede berücksichtigen und politisch ausbalancieren. Entstanden ist dieses System, um die Einheit des Landes mit der Eigenständigkeit seiner Regionen zu verbinden.
Britisches Regierungssystem, nordamerikanischer Föderalismus
Kanadas politisches System folgt dem Westminster-Modell: Der Premierminister führt also die Regierung und muss das Vertrauen des gewählten Unterhauses besitzen. Staatsoberhaupt ist König Charles III., der in Kanada durch einen Generalgouverneur oder eine Generalgouverneurin vertreten wird. Das Parlament besteht aus dem König, dem Senat und dem Unterhaus. Der Senat wird dabei ernannt, die Abgeordneten des Unterhauses dagegen gewählt.
Eine nordamerikanische Prägung zeigt sich vor allem im Föderalismus und in der schriftlichen Verfassung. Der Constitution Act von 1867 bildet die zentrale Grundlage für die Verteilung der Zuständigkeiten zwischen Bund und Provinzen.
Wie der Umgang mit indigenen Völkern die Politik beeinflusst
Bei der Beziehung zu den indigenen Völkern - den First Nations, Inuit und Métis - handelt es sich um ein wichtiges politisches Thema in Kanada. Die Geschichte des Landes lässt sich deshalb nicht auf die britische und französische Kolonialisierung reduzieren. Die Europäer trafen auf Ureinwohner, die dort seit Tausenden Jahren lebten. Von ihnen stammt der Name: «Kanata» bedeutete wohl Dorf oder Siedlung. Die kanadische Verfassung von 1982 erkennt in Abschnitt 35 ausdrücklich die Rechte der indigenen Völker an.
Bei der Aufarbeitung des Umgangs mit den Indigenen spielen die sogenannten Residential Schools eine wichtige Rolle. In diesen kirchengeführten Internatsschulen wurden indigene Kinder vom 19. Jahrhundert bis zur Schließung Mitte der 1990er Jahre über Jahrzehnte von ihren Familien getrennt. Sie sollten ihre Sprache und Kultur aufgeben und sich an die kanadische Mehrheitsgesellschaft anpassen. Die kanadische Wahrheits- und Versöhnungskommission bezeichnete diese Politik in ihrem Abschlussbericht von 2015 als kulturellen Genozid. Die Folgen wirken nach ihren Erkenntnissen bis heute nach.
Warum Québec keine Provinz wie jede andere ist
Die Provinz Québec nimmt innerhalb Kanadas eine besondere Stellung ein: Es ist die einzige überwiegend französischsprachige Provinz und die einzige, in der Französisch die alleinige offizielle Provinzsprache ist. Auch rechtlich unterscheidet sich Québec vom übrigen Land: Während dort das französisch geprägte Zivilrecht gilt, basiert das Privatrecht der anderen Provinzen auf dem englischen Common Law. Diese sprachlichen und rechtlichen Besonderheiten prägen Québecs Politik und Identität bis heute.