«Aber es könnte sich auch um eine Antwort auf ein negatives Erlebnis handeln», meint López. «Das heißt, ein oder mehrere Tiere haben vielleicht eine schlechte Erfahrung gemacht und versuchen, die Boote zu stoppen, damit sich das nicht wiederholt.» Der Experte hat eine Orca-Mama im Verdacht, die Attacken, die Biologen lieber «Interaktionen» nennen, initiiert zu haben. Die Wal-Dame hat auch einen Namen: Gladis Blanca, Weiße Gladis.
Gezielte Angriffe oder nur "Spaß"?
Sie oder eines ihrer Jungen könnten sich etwa in einem Fischnetz verfangen haben oder von einem Boot angefahren worden sein. Für eine Reaktion auf eine negative Erfahrung spreche unter anderem, dass Gladis Blanca 2021 sogar mit ihrer neugeborenen Tochter Boote angefallen habe. «Die Motivation, die sie zur Interaktion antreibt, ist offenbar größer als der mütterliche Schutzinstinkt», sagt López.
Im Gegensatz dazu glaubt Renaud de Stephanis, dass die Orcas nur Spaß haben wollen. «Es ist klar, dass es sich um Spiele handelt», sagte der Präsident der Umweltschutzorganisation Circe zu RTVE. Jüngere Tiere hätten mit diesem Verhalten begonnen, und nun seien auch zwei Mütter aktiv, versichert er. Es sei zu erwarten, dass die Zwischenfälle aufhörten, sobald die Orcas dieses Spiel satt hätten.
Einige Meeresbiologen räumen unumwunden ein, man habe «keinen blassen Schimmer». Einig sind sich Fachleute jedoch darin, dass man die Orcas «nicht kriminalisieren» dürfe. «Es gibt Schlagzeilen in der Presse, die die Realität verwischen», klagt López. Er meint Überschriften wie «Aufstand der Orcas» oder «Rache der Mörderwale». «All dies muss uns vielmehr dazu bringen, darüber nachzudenken, dass Aktivitäten des Menschen der Grund für dieses Verhalten sein könnten», gibt López zu bedenken.
Orca-Attacken nur in einem kleinen Gebiet beobachtet
Auffällig ist: Während Orcas in Ozeanen weltweit leben, erfolgten die dokumentierten Angriffe in dem relativ kleinen Gebiet südlich und westlich der Iberischen Halbinsel. Beteiligt waren Schätzungen zufolge bislang insgesamt 35 bis maximal 60 Tiere.
Dass die Lage für alle Beteiligten ernst ist, zeigt die jüngste Reaktion des Ministeriums für Ökologischen Wandel in Madrid. Nachdem Fahrverbote für kleinere Boote mit einer Schiffslänge von bis zu 15 Metern in bestimmten Meereszonen wenig gebracht hatten, begann man vorige Woche damit, einzelne Orcas mit GPS-Trackern zu bestücken, um sie orten und Kapitäne warnen zu können.
López verweist auch auf die Informationen auf der Homepage seiner Organisation. Kapitäne müssten sich besser informieren und alternative Schifffahrtswege wählen, nicht nachts fahren und sich nicht allzu weit von den Küsten entfernen. «Es ist wichtig, diese Informationen auch in den deutschen Häfen zu verbreiten, denn viele Seeleute kommen aus Deutschland und Nordeuropa», betont er.
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