Rücktritt in Haiti: Wie geht es weiter?
Autor: Nick Kaiser, dpa
, Dienstag, 12. März 2024
Seit dem Mord an Präsident Moïse im Juli 2021 ist die Sicherheitslage in Haiti immer schlechter geworden. Nun scheinen die kriminellen Banden des Karibikstaats ein politisches Ziel erreicht zu haben.
Nach einer Eskalation der Bandengewalt in Haiti hat der Interims-Premierminister des Karibikstaates, Ariel Henry, seinen Rücktritt angekündigt. Er werde das Amt niederlegen, sobald ein Übergangsrat eingerichtet und sein Nachfolger ernannt sei, teilte er in der Nacht in einem Video mit, das sein Büro bei Facebook veröffentlichte.
Kurz zuvor hatten die Regierungschefs der karibischen Staatengemeinschaft (Caricom) nach einem Treffen in der jamaikanischen Hauptstadt Kingston mitgeteilt, sie hätten sich auf die Schaffung eines Präsidialrats geeinigt - für den politischen Übergang hin zu Wahlen. Daran seien auch haitianische Interessenvertreter beteiligt gewesen. An dem Treffen nahm auch US-Außenminister Antony Blinken teil.
Was wurde vereinbart?
Nach Angaben der Caricom soll sich ein Rat mit sieben stimmberechtigten Mitgliedern und zwei nicht stimmberechtigten Beobachtern aus Vertretern mehrerer politischer Parteien und zivilgesellschaftlicher Gruppen sowie der Privatwirtschaft zusammensetzen. Der Rat soll einen neuen Interims-Premierminister und ein Kabinett ernennen, einen Wahlrat einrichten und zusammen mit der internationalen Gemeinschaft den Einsatz einer multinationalen Truppe zur Unterstützung der haitianischen Polizei vorantreiben.
Vom Übergangsrat ausgeschlossen ist, wer wegen eines Verbrechens angeklagt oder verurteilt, von den Vereinten Nationen mit Sanktionen belegt wurde, bei der nächsten Wahl kandidieren will oder gegen eine vom UN-Sicherheitsrat genehmigte Sicherheitsmission ist. Ein Zeitplan für die Mission oder die Schaffung des Rats wurde nicht genannt.
Wie tief steckt Haiti in einer Krise?
Die Gewalt mächtiger Banden, die oft Verbindungen zu Politikern haben, hat seit der Ermordung des Präsidenten Jovenel Moïse in der Nacht zum 7. Juli 2021 immer weiter zugenommen. Inzwischen haben die Banden laut UN rund 80 Prozent von Haitis Hauptstadt Port-au-Prince unter ihrer Kontrolle. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind etwa 362 000 Haitianer innerhalb des Landes vertrieben, mehr als die Hälfte davon Kinder. Fast die Hälfte der rund elf Millionen Einwohner Haitis leidet unter akutem Hunger.
Bereits seit Anfang 2020 hat Haiti kein beschlussfähiges Parlament mehr. Für den 26. September 2021 angesetzte Präsidenten- und Parlamentswahlen wurden wegen der Sicherheitslage auf unbestimmte Zeit verschoben und bis heute nicht nachgeholt.
Ende Februar schlossen sich die zwei mächtigsten Banden zusammen. Ihr Anführer, der Ex-Polizist Jimmy Chérizier alias «Barbecue», erklärte, wenn Henry nicht zurücktrete, werde es zu einem Bürgerkrieg kommen. Banditen legten große Teile Haitis mit ihrer Gewalt lahm: Sie griffen unter anderem Polizeiwachen und Flughäfen an. Auch wurden mehr als 4500 Häftlinge aus Gefängnissen befreit. Diplomaten der EU wie der USA und auch der deutsche Botschafter verließen vergangenes Wochenende Haiti. Es gehen keine Flüge von und nach Haiti mehr.