Kriegsheimkehrer – Russen zwischen Heldenkult und Angst
Autor: Friedemann Kohler und Ulf Mauder, dpa
, Freitag, 03. April 2026
Hochglanz-Ausstellungen in Russland zum Krieg in der Ukraine setzen Soldaten als Helden in Szene. Kriegsteilnehmer und Heimkehrer gelten offiziell als die neue Elite. Experten sehen auch Gefahren.
Selbst an diesem sonnigen Frühlingssonntag ist einiges los in der schillernden Schau in Moskau zum Angriffskrieg gegen die Ukraine. Kinder in Gruppen, Familien und Senioren schauen sich Kriegsgerät, nachgestellte Schlachtfeldszenen und Originalaufnahmen von Frontkämpfen an. In dem Pavillon auf dem Ausstellungsgelände WDNCh werden die Soldaten als Helden verehrt. Diese und viele andere solcher Propaganda-Schauen im Land sollen nicht zuletzt Akzeptanz schaffen für die Kriegsheimkehrer – dabei warnen Experten vor möglichen Problemen, die sie mit nach Hause bringen.
Zu Hunderttausenden kommen die Männer zurück in ihr ziviles Leben. Menschen mit Gewalterfahrungen und posttraumatischen Belastungsstörungen treffen auf Zivilisten, für die Tod und Zerstörung weit weg sind. Soziale Spannungen seien programmiert, sagt der Moskauer Journalist Andrej Kolesnikow, der für die kremlkritische Plattform «newtimes.ru» schreibt, bei der Online-Konferenz «Heimkehr mit Schrecken» der Deutschen Sacharow Gesellschaft.
Die Rückkehrer sind einen vergleichsweise hohen Verdienst von ihrem Kriegseinsatz sowie an Privilegien gewöhnt. Russlands Arbeitsmarkt aber gibt oft weder solche Gehälter noch eine Vorzugsbehandlung her, um diese Massen zu absorbieren, erklären Experten. Das weiß auch Kremlchef Wladimir Putin, der seinen Krieg nun im fünften Jahr führt und besondere Aufmerksamkeit für die Kriegsheimkehrer verlangt.
An diesem Freitag (3. April) ist der 1.500. Kriegstag. Noch immer gibt es auch in Moskau überall Reklame und an vielen Ecken – wie in der Metro – Anwerber für den freiwilligen Fronteinsatz. Dabei ist längst die Frage gegenwärtig, wie Soldaten nach dem Krieg in ein normales Leben zurückfinden. «Wir müssen ihnen helfen, neue Fähigkeiten, Wissen und Fertigkeiten zu erhalten», sagte Putin unlängst bei einer Veranstaltung. Er wies an, bis 1. Juli Empfehlungen für eine Wiedereingliederung der Kriegsheimkehrer auszuarbeiten. Sie bräuchten eine soziale Begleitung und Weiterbildungen, betonte er.
Anstieg von Kriminalität und Konflikten befürchtet
Russlands Gesellschaft unterstützt den Krieg zum Teil, zum Teil lassen die Menschen ihn über sich ergehen. Doch es schwant den Daheimgebliebenen, dass die Heimkehr Hunderttausender Männer ein Problem werden kann – aller Propaganda von den stolzen Verteidigern des Vaterlands zum Trotz.
Das unabhängige Meinungsforschungsinstitut Lewada-Zentrum erfragte vergangenes Jahr, dass angeblich drei von fünf Befragten die Veteranen mit Respekt sehen. Auf die Frage, wie es nach einem Ende des Krieges aussehen werde, sagten 44 Prozent – meist Anhänger der Regierung –, dass es mehr Sicherheit und gesellschaftlichen Frieden geben werde. 39 Prozent befürchteten einen Anstieg der Konflikte und der Kriminalität.
Die negative Erwartung beruht auf Erfahrung. Als die Sowjetunion 1989 geschlagen aus Afghanistan abzog, kehrten die Armeeveteranen in ein armes und zerfallendes Land zurück, viele wurden kriminell. Den Schlägern und Schutzgelderpressern der organisierten Kriminalität gingen die braven Russen und Russinnen der 1990er Jahren möglichst aus dem Weg.