Lula zum Wahlsieger erklärt - Bolsonaro protestiert
Autor: Philipp Znidar, dpa
, Montag, 26. Oktober 2026
Linken-Ikone Lula bejubelt ein historisches Comeback, sein rechter Rivale Flávio Bolsonaro will das Ergebnis der Präsidentenwahl anfechten. Stehen Brasilien wieder turbulente Zeiten bevor?
Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva ist zum Sieger der Präsidentenwahl in Brasilien erklärt worden, doch sein rechter Herausforderer Flávio Bolsonaro will das offizielle Ergebnis nicht anerkennen. Wegen einer kurzfristig um zwei Stunden verlängerten Öffnungszeit der Wahllokale werde er juristische Schritte einlegen, kündigte der Sohn des unter Hausarrest stehenden Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro an. Das Oberste Wahlgericht hatte den 80-jährigen Linkspolitiker Lula zuvor mit 51,8 zu 48,2 Prozent der Stimmen zum Wahlsieger erklärt.
Damit stehen Brasilien erneut politisch turbulente Zeiten nach einer Wahlniederlage des rechten Lagers bevor. 2023 hatten wütende Anhänger des abgewählten Präsidenten Jair Bolsonaro, der seine Wahlniederlage ebenfalls nicht anerkennen wollte, das Regierungsviertel in der Hauptstadt Brásilia gestürmt. Später wurde der Ex-Militär wegen eines versuchten Staatsstreichs zu 27 Jahren Haft und einem Ämterverbot verurteilt, weshalb sein Sohn Flávio nun an seiner Stelle antrat.
Lula trotzt dem regionalen Trend
Mit Lulas Sieg bleibt Brasilien ein wichtiger Gegenpol zum Rechtsruck in Lateinamerika: Seit Donald Trump wieder US-Präsident ist, sind unter anderem in Bolivien, Chile und Kolumbien rechte Regierungen ans Ruder gekommen. Auch mit Venezuela arbeitet Trumps Regierung nach der Festsetzung des autoritär regierenden Staatschefs Nicolás Maduro durch das US-Militär inzwischen enger zusammen. «Das Ergebnis ist ein Rückschlag für Präsident Donald Trump, der versucht hatte, mit Argentinien, Kolumbien und anderen Ländern einen konservativen, den USA nahestehenden Block in ganz Lateinamerika aufzubauen», kommentierte die «Washington Post» den Wahlausgang.
EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen gratulierte Lula, der noch in der ersten Wahlrunde knapp hinter Bolsonaro gelegen hatte und eine in Brasilien so in der jüngeren Zeit noch nie dagewesene Aufholjagd vollbrachte: «Demokratie und Multilateralismus haben in Brasilien gesiegt», schrieb sie auf der Plattform X. Die Partnerschaft Europas mit Brasilien floriere, und gemeinsam werde man sich weiterhin eng für freien und offenen Handel einsetzen. «Für eine regelbasierte Weltordnung», beendete sie ihre Gratulation.
Andere Staatschefs Lateinamerikas, die dem rechten Spektrum angehören, gratulierten dem 80-jährigen Wahlsieger trotz der unterschiedlichen politischen Ausrichtung, darunter Chiles rechtskonservativer Präsident José Antonio Kast oder Perus Präsidentin Keiko Fujimori. Mexikos linksstehende Präsidentin Claudia Sheinbaum freute sich mit ihm über den Wahlsieg. Spaniens linker Regierungschef Pedro Sánchez, der unter großem Druck steht und für den 29. November vorgezogene Neuwahlen ausrief, schrieb auf X augenscheinlich euphorisch: «Was in Brasilien geschehen ist, wird auch in Spanien geschehen. Das Comeback des globalen Progressivismus hat gerade erst begonnen.»
Ein historisches Comeback
Lula hatte in der ersten Wahlrunde mit rund 45 Prozent noch hinter Flávio Bolsonaro gelegen, der auf rund 47 Prozent kam. Letztlich gelang es nun erstmals seit der Wiedereinführung direkter Präsidentschaftswahlen 1989 einem Kandidaten, der im ersten Wahlgang zurückgelegen hatte, den Rückstand in der Stichwahl aufzuholen. Mit dem Wahlsieg kann Lula auch zum ersten brasilianischen Präsidenten werden, der viermal demokratisch ins Amt gewählt wurde. Bei seinem Amtsantritt im Januar 2027 wird er 81 Jahre alt sein - sofern Bolsonaros Widerstand erfolglos bleibt.
«Diese Wahl war eine Niederlage für die Leugner», sagte Lula mit rauer Stimme, als er sichtlich erschöpft nach einem harten Wahlkampf für sein erstes Statement vor die Presse trat. Im Anschluss zeigte er sich vor tausenden jubelnden Anhängern auf der Avenida Paulista in São Paulo - und sang auch gemeinsam mit ihnen die Nationalhymne.