Kiew friert: Der härteste Winter seit Kriegsbeginn
Autor: Andreas Stein, dpa
, Freitag, 16. Januar 2026
Zweistellige Minusgrade, Stromausfälle und eiskalte Wohnungen: Wie Kiews Bewohner mit Notfallplänen, Tee und Humor gegen den Winter und russische Angriffe kämpfen. Bis zum Frühling ist es noch lang.
Kurz vor Beginn des fünften Kriegsjahres durchlebt die Ukraine den schwersten Winter seit dem russischen Einmarsch. Wegen der massiven russischen Angriffe mit Drohnen und Raketen auf Energieanlagen haben Hunderttausende weder Strom noch Heizung - und das bei Schneefall, Frost und nächtlichen Temperaturen von bis zu minus 20 Grad. Betroffen sind die Großstädte Charkiw, Dnipro, Krywyj Rih und Odessa. Aktuell ist die Lage jedoch in der Hauptstadt Kiew am schlimmsten. Die Dreimillionenstadt dürfte bei weiteren russischen Attacken auf eine humanitäre Katastrophe zusteuern.
Im Zentrum von Kiew gehen dick eingemummte Menschen tagsüber bei minus 12 Grad vorsichtig über die nach Schneefällen ungeräumten und teils vereisten Bürgersteige. Vor Geschäften knattern Notstromaggregate. Dunkel und ohne die gewohnte Schlange zur Mittagszeit ist zum Beispiel einer der Kaffeekioske beim Gebäude des Grenzschutzes. «Kaffee können wir nicht zubereiten. Nur Backwaren können wir verkaufen», sagt die junge Verkäuferin bedauernd.
Im nahen Hinterhof hat ein Café noch Strom und verkauft warme Getränke. Dicht drängen sich mehrere Kunden an der Kasse. Die roten Ziffern auf der Digitalanzeige nahe der Decke springen zwischen 190 und 250 Volt wild hin und her. Doch wenig später ist der Strom auch hier ganz weg. Das ist seit Tagen trauriger Alltag in Kiew - aber nicht nur in der Hauptstadt.
Stromabschaltungen als Alltag
Seit dem Herbst gibt es bereits wieder angekündigte stundenweise Stromausfälle. Damals nahm das russische Militär seine systematischen Angriffe auf Umspannwerke, Kraftwerke und auch auf Heizkraftwerke wieder auf. Moskau will damit den Kampfgeist und das Durchhaltevermögen der Ukrainer brechen. Extrem wurde die Situation in Kiew nach den verheerenden Einschlägen ballistischer Raketen und Drohnen Ende vergangener Woche.
Die auf dem Ostufer der Stadt gelegenen Stadtteile waren teils mehrere Tage ohne Strom. Gut 6.000 Wohnblöcke und damit mehrere Hunderttausend Einwohner waren ohne Heizung. Am Dienstag verschlimmerten neue russische Raketenschläge die Situation auch im Westteil Kiews. Seitdem sind in der ganzen Metropole Notabschaltungen an der Tagesordnung.
Der auf Strom angewiesene öffentliche Nahverkehr stockt, eine Planung für das Waschen von Wäsche oder die Zubereitung von Essen ist für viele Kiewer nicht mehr möglich. Nicht funktionierende Fahrstühle in den vielen Hochhäusern der Millionenstadt stellen vor allem für ältere und behinderte Menschen ein unüberwindbares Hindernis dar.
Menschen in Kiew heizen Ziegelsteine auf Gasherden
Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko versichert, die Mitarbeiter der Energieunternehmen arbeiteten rund um die Uhr an der Behebung der Schäden. «Doch leider lebt Kiew gerade mit Notabschaltungen des Stroms», räumt er ein. Rund 300 Wohnblöcke seien immer noch ganz ohne Heizung.