Doch auch eine formale Wiederherstellung der Fernwärme garantiert keine warme Wohnung: Viele Kiewer klagen über nur lauwarme Heizkörper und teils einstellige Temperaturen in ihren Wohnungen. Stadtbewohner mit Gasherden nutzen die Flammen teils, um Ziegelsteine aufzuwärmen und verwenden diese eingewickelt in Handtücher als Wärmequellen auch in ihren Betten.
In sozialen Netzwerken teilen viele Kiewer ihren Alltag und sprechen sich gegenseitig Mut zu. «Wir sind auf den Kanaren. Wir sind auf den Malediven», scherzt der mit Mütze und dickem Pullover unter einer Bettdecke liegende Taras Nesterenko auf TikTok. «Der Fahrstuhl funktioniert nicht.» 13 Grad seien es in der Wohnung, seit mehr als zehn Stunden gebe es keinen Strom. «Ich möchte die Waschmaschine anschalten», teilt seine Frau ihren sehnlichsten Wunsch.
«Punkte der Unbeugsamkeit» und andere Vorbereitungen der Stadt
Anders als etwa neulich beim Stromausfall in Teilen Berlins stehen die Ukrainer der Lage nicht völlig unvorbereitet gegenüber. Bereits im ersten Kriegswinter (2022/2023) gab es massive russische Angriffe auf die Stromversorgung und immer wieder stundenweise Stromsperren. Generatoren, Ladestationen, Akkus, Kerzen und Campingkocher legten sich viele vor allem begüterte Ukrainer bereits damals zu. Mobilfunkbetreiber müssen die Funktion ihres Netzes zumindest für zehn Stunden auch ohne externe Stromversorgung sicherstellen.
Der Staat richtete in Schulen und Behörden «Punkte der Unbeugsamkeit» ein, die teils rund um die Uhr das Aufladen von Mobiltelefonen und anderen Geräten, Internetzugang oder das Aufwärmen bei einer Tasse Tee ermöglichen.
Allein in Kiew wurden nach Behördenangaben mehr als 1.200 derartige Stellen eingerichtet. «Wir haben einen Stromgenerator, einen Kanonenofen, Holz. Es gibt Tee und warme Decken. Wir haben alles Notwendige», sagt die Direktorin des Lyzeums Nr. 100 im Stadtteil Podil, Viktoria Telehyna, dem Kiewer Stadtsender. Rund um die Uhr sei die Schule zum Aufwärmen geöffnet.
Lockerung der nächtlichen Ausgangssperre
Für die Schüler der Stadt ordnete Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko Ferien bis zum 1. Februar an. Wegen der widrigen Umstände wurden außerdem die Regeln für die kriegsbedingte nächtliche Ausgangssperre gelockert. Nun ist es nicht nur während Luftalarms erlaubt, in Schutzräume zu gehen, sondern auch, die ganze Nacht in einem der Aufwärmpunkte zu verbringen.
Zusätzlich gibt es aktuell noch rund um die Uhr 45 Aufwärmzelte des Zivilschutzes in den besonders von Heizungsausfällen und Stromknappheit betroffenen Stadtteilen. «Einzig während Luftalarmen stellen wir unsere Arbeit ein und bitten die Leute, in einen der nahen Schutzräume zu gehen», sagt der Sprecher des Kiewer Zivilschutzes, Pawlo Petrow, dem Stadtfernsehen. Ältere Menschen, die in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind, werden den Angaben nach vom staatlichen Sozialdienst mit warmem Essen versorgt.
Politischer Streit: War Kiew unzureichend vorbereitet?
Angesichts der dramatischen Lage in der Hauptstadt sieht sich Bürgermeister Klitschko auch Kritik von Präsident Wolodymyr Selenskyj ausgesetzt. «Besonders schwer ist die Situation in Kiew. Die Stadtregierung hat Zeit verloren und jetzt wird auf Regierungsebene das korrigiert, was auf Stadtebene nicht getan wurde», sagte der Staatschef jüngst.
Das Eingreifen der Regierung in Kiew signalisierte auch, dass ein alter politischer Konflikt wieder aufbricht: Selenskyj und Klitschko waren bei der Präsidentenwahl 2019 Konkurrenten. Trotz des Burgfriedens aufgrund des russischen Angriffskriegs gibt es immer wieder Sticheleien zwischen den beiden.
Der Bürgermeister weist Selenskyjs aktuelle Vorwürfe zurück und spricht von Manipulationen und «offenkundiger Unwahrheit». Es gebe keine Konstruktivität, sondern nur «Hass», klagte er.
Der Ukraine drohen lange Wochen bis zum Frühling
Der nächste russische Angriff auf die ukrainische Infrastruktur wird vermutlich nicht lange auf sich warten lassen. Dabei könnten auch bislang erzielte Fortschritte bei den Reparaturen schnell wieder zunichtegemacht werden. Klitschko warnt die Bürger: «Der Frost wird laut Prognose noch gut drei Wochen anhalten.» Kiew dürfte vor dem Frühling wohl kaum aus der aktuellen Krisensituation herauskommen.