Zhu Rongji trieb Chinas Umbau zur Marktwirtschaft voran
Autor: Johannes Neudecker, dpa
, Mittwoch, 12. August 2026
Der frühere Regierungschef, Zentralbanker und KP-Kader stellte die entscheidenden Weichen für Chinas wirtschaftlichen Aufstieg. Seine ehrgeizigen Reformen wirken bis heute fort.
Selbst Jahrzehnte nach seiner aktiven Politik-Karriere ist das Wirken von Zhu Rongji in China noch immer zu spüren. Der frühere Ministerpräsident, Zentralbanker und hochrangige Kader der Kommunistischen Partei trug entscheidend dazu bei, dass die Volksrepublik heute die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist. Chinas Umbau zu einer Marktwirtschaft und der Eintritt in die Welthandelsorganisation (WTO) gehören zu seinem Vermächtnis.
Nun ist der Reformer im Alter von 97 Jahren in Peking gestorben. Viele Weggefährten, darunter der einstige US-Außenminister und China-Kenner Henry Kissinger oder Altbundeskanzler Helmut Kohl, schätzten Zhu. Für ein 2015 erschienenes Buch von Zhu schrieben beide das Vorwort.
Eine schmerzhafte Transformation
In Chinas Wirtschaft sind Zhus Spuren noch heute erkennbar. Ab Beginn der 1990er Jahre stemmte er sich als Vize-Ministerpräsident und Zentralbanker gegen die grassierende Inflation. Mit seinem lösungsorientierten Vorgehen machte er sich in Peking einen Namen. 1998 erhob ihn die Partei zum Ministerpräsidenten. In seiner Amtszeit bis 2003 privatisierte er das staatliche Wohnungswesen und startete ehrgeizige Reformen in der Regierung, im Finanzwesen und in den Staatsbetrieben.
Zhu galt stets als Pragmatiker. Allerdings war er auch berüchtigt für seine Ungeduld. Er hatte keine Zeit für höfliches Gerede, sondern kam sofort zur Sache. Durch die Veränderungen in Chinas Wirtschaft verloren Millionen Arbeiter ihre Jobs. Der Umbau von der Staats- zur Marktwirtschaft, vom Versorgungs- zum Leistungsprinzip war schmerzhaft.
Zhu, der Macher
Um viele Projekte kümmerte er sich persönlich. Zhu sei ein Mann gewesen, der nicht nur über Dinge nachgedacht habe, sondern auch darüber, wie er diese erledigen könne, sagte der Politologe und China-Kenner Kenneth Lieberthal 2013. «In diesem Sinne hat er China wirklich verändert», erklärte der US-Experte - vor allem mit Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation 2001. Die Aufnahme zog enorme Investitionen aus dem Ausland nach China und markierte den Beginn eines rasanten Wirtschafts- und Außenhandelswachstums, mit dem das Land über die folgenden Jahre zu einer Handelsgroßmacht aufstieg.
Wie viele hochrangige Parteikader hatte Zhu einen langen und steinigen Aufstieg hinter sich. 1928 wurde er in der zentralchinesischen Provinz Hunan in Changsha geboren. Seinen Vater lernte er nie kennen, die Mutter starb früh. Mit der Gründung der Volksrepublik China 1949 durch Revolutionsführer Mao Zedong trat Zhu in die Kommunistische Partei (KP) ein. Nach seinem Studium der Elektrotechnik an der Elite-Universität Tsinghua in Peking begann er seine Karriere in der staatlichen Planungskommission.
Karriere mit Rückschlägen
Ende der 1950er Jahre geriet Zhu ins Visier der Partei: Als er Maos Wirtschaftspolitik kritisierte, wurde er als Rechtsabweichler gebrandmarkt, aus der Partei ausgeschlossen und aufs Land geschickt. Während Maos Kulturrevolution widerfuhr ihm erneut ein ähnliches Schicksal. «Diese Erfahrung war für mich sehr lehrreich, aber auch nicht sehr angenehm», antwortete er bei einer Pressekonferenz 1998 einem US-Journalisten.