«Etwas ist faul im Königreich Norwegen»
Autor: Julia Wäschenbach, dpa
, Donnerstag, 12. Februar 2026
«Super-Diplomaten», ein Ex-Regierungschef und die Kronprinzessin: Warum suchte ausgerechnet Norwegens Elite Epsteins Nähe - und umgekehrt? Die Frage bewegt viele im Land des Friedensnobelpreises.
Die Norweger reiben sich in diesen Tagen die Augen über die Elite in ihrem Land. Ihre Kronprinzessin? Tauschte sich mit Epstein zu Liebesdingen aus. Ihr Ex-Ministerpräsident? Versuchte für den Sexualstraftäter allem Anschein nach ein Treffen mit Putin zu arrangieren. Ein früherer Top-Diplomat? Nannte den US-Amerikaner seinen besten Freund. Das legen zumindest die neuen Veröffentlichungen im Fall Jeffrey Epstein nahe. Die Enthüllungen erschüttern das Selbstbild der Norweger. Viele fragen sich: Warum spielt ausgerechnet unser kleines Land eine so große Rolle in diesem Skandal?
Norweger waren attraktiv für Epstein
Vielleicht reiner Zufall, sagt Halvard Leira vom norwegischen außenpolitischen Institut der Zeitung «Aftenposten». «Aber nach dem, was ich gesehen habe, sind Norweger klar überrepräsentiert.» Eine mögliche Erklärung laut Leira: das viele norwegische Geld, das seit Jahrzehnten in internationale Organisationen fließt. «Das hat dazu geführt, dass viele Norweger internationale Spitzenpositionen innehatten.» Eine attraktive Zielgruppe für Epstein, um sein Netzwerk einflussreicher Personen auszuweiten.
Ein weiterer Magnet für Mächtige: der Friedensnobelpreis. Ausgerechnet einer, der die Auszeichnung über Jahre vergab, taucht prominent in den Epstein-Akten auf. In den 90er Jahren war Thorbjørn Jagland Ministerpräsident, später Chef des norwegischen Nobelkomitees und Generalsekretär des Europarats. Letzterer hat jetzt auf Wunsch Norwegens seine Immunität aufgehoben. Denn gegen Jagland wird angesichts seiner Epstein-Kontakte wegen des Verdachts auf schwere Korruption ermittelt.
Der Norweger soll während seiner Zeit im Europarat in Epsteins Apartments in Paris und New York übernachtet und in dessen Anwesen in Palm Beach Urlaub gemacht haben. Die in der Affäre veröffentlichten Mails legen nahe, dass der Geschäftsmann wiederum Druck auf Jagland machte, ihm ein Treffen mit Kremlchef Wladimir Putin zu organisieren.
Diplomat an Epstein: «Du bist mein bester Freund»
«Norwegen wollte immer gern Macht und Einfluss haben - und die eigenen hohen Standards in die Welt hinaustragen», sagt der Nordeuropa-Experte Tobias Etzold. «Dabei ist man anscheinend nicht davor zurückgeschreckt, sich korrumpieren und für dubiose Zwecke einspannen zu lassen.»
Korruptions-Ermittlungen laufen auch gegen das Diplomaten-Ehepaar Mona Juul und Terje Rød-Larsen. Die von Medien «Super-Diplomaten» getauften Norweger sind berühmt dafür, eine entscheidende Rolle bei den Friedensverhandlungen zwischen Israel und der Palästinensischen Befreiungsorganisation in den 90er Jahren gespielt zu haben. Juul war bis vor kurzem Botschafterin in Jordanien. «Das Ehepaar wurde ein Symbol für die Friedensnation Norwegen», schreibt der Journalist und Autor Aslak Nore in der Zeitung «Verdens Gang».
Zwei, die maßgeblich dazu beigetragen haben, Norwegens internationales Glanzbild zu kreieren, verleihen ihm nun Risse. Die Kinder des Paars sollen in Epsteins Testament mit zehn Millionen Dollar bedacht sein. «Du bist mein bester Freund und ein superseltener, durch und durch guter Mensch», soll Rød-Larsen Epstein Neujahr 2017 geschrieben haben. Vieles deutet daraufhin, dass Epstein sein norwegisches Netzwerk mit Hilfe von Rød-Larsen aufbaute.