Erdogan-Rivale vor Gericht - Was das für die Türkei bedeutet
Autor: Mirjam Schmitt, Linda Say und Melissa Erichsen, dpa
, Montag, 09. März 2026
Die Festnahme des Istanbuler Bürgermeisters führte zu Protesten. Der Prozess beginnt lautstark. Warum das Verfahren für die Zukunft der Türkei wichtig ist und die Anklage von einem Oktopus spricht.
Als der ehemalige Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoglu den Gerichtssaal in Istanbul betritt, ertönen lauter Beifall und Pfiffe. Er dreht sich unter strengen Blicken der Sicherheitsbeamten um und winkt. Nicht nur die ersten Minuten sind von lauten Zwischenrufen geprägt. Als Imamoglu wegen formeller Einwände ans Rednerpult tritt, wird er sogleich vom Richter ermahnt. Das Publikum ist empört. Schließlich müssen alle nur kurz nach dem Beginn raus aus dem Gerichtssaal, die Verhandlung wird unterbrochen. Später wird ihm bei weiteren Versuchen das Mikrofon abgestellt - und der erste Verhandlungstag geht vorbei ohne den Hauptangeklagten offiziell zu Wort kommen zu lassen.
Die Stimmung des Hauptprozesses gegen Imamoglu spiegelt die vor fast einem Jahr wider, als der Oppositionspolitiker festgenommen, verhaftet und als Istanbuler Bürgermeister abgesetzt wurde. Auch Imamoglus Universitätsdiplom – Voraussetzung für eine Präsidentschaftskandidatur – wurde annulliert. Das Vorgehen des wichtigsten politischen Gegners des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan löste landesweite Proteste aus und wurde zum Symbol einer neuen Repressionswelle gegen die größte Oppositionspartei CHP, Regierungskritiker und Journalisten in der Türkei.
Schwere Vorwürfe gegen Imamoglu
Imamoglu sitzt seitdem im Istanbuler Bezirk Silivri in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem die Gründung einer kriminellen Vereinigung sowie Bestechung und Geldwäsche vor.
Erdogan bezeichnet die CHP - Gründungspartei des Landes - als kriminelle Bande, die sich wie ein Oktopus über die Stadt Istanbul ausgebreitet habe, mit Imamoglu an ihrer Spitze. Imamoglu selbst nennt den Fall «eine der härtesten Prüfungen für die türkische Demokratie». Menschenrechtsorganisationen bewerten den Prozess als politisch motiviert.
Hunderte Jahre Haft gefordert
Die Vorwürfe wiegen schwer: Imamoglu ist wegen 142 Vergehen angeklagt. Er soll eine kriminelle Organisation gegründet und geleitet haben, wie aus der Anklageschrift hervorgeht. Ziel sei gewesen, die Istanbuler Stadtverwaltung systematisch für die Begehung von Straftaten zu nutzen und sich persönlich zu bereichern. Konkret wird ihm vorgeworfen, die Stadtverwaltung als Finanzquelle missbraucht zu haben, um die Führung der CHP zu übernehmen und so seine Präsidentschaftskandidatur abzusichern.
Zusammengerechnet fordert die Staatsanwaltschaft Staatsmedien zufolge mehr als 2.000 Jahre Haft für Imamoglu. Insgesamt sind in dem Verfahren 407 Verdächtige angeklagt, darunter Imamoglus Anwalt, sein Sprecher, Familienmitglieder sowie Journalisten.
Nun soll wöchentlich von Montag bis Donnerstag verhandelt werden, hieß es vom Richter.