Dänische Migrationspolitik setzt auf Negativschlagzeilen
Autor: Martin Roy, dpa
, Freitag, 08. Dezember 2023
Dänemark sorgt mit seinem harschen Vorgehen gegenüber Asylbewerbern immer wieder für Aufsehen. In Deutschland halten das viele für nachahmenswert. Doch der Teufel steckt im Detail.
Wer in Dänemark Asyl beantragen will, sollte gut zu Fuß sein. Das einzige Aufnahmezentrum für Flüchtlinge liegt etwa 25 Kilometer außerhalb von Kopenhagen auf einem Truppenübungsgelände in Sandholm. Der Bus von der ehemaligen Kaserne zur nächsten S-Bahn-Station fährt tagsüber alle 30 bis 45 Minuten. In der Zeit kann man die knapp vier Kilometer auch laufen. Zum Abschiebezentrum Sjælsmark, das vom Strafvollzug betrieben wird, ist es nur halb so weit. Und die vom Antifolterkomitee des Europarats kritisierte Abschiebeanstalt Ellebæk liegt sogar nur ein paar Schritte vom Aufnahmezentrum entfernt.
Für Michala Clante Bendixen von Refugees Welcome Dänemark ist die Lage der drei Standorte ein Sinnbild der dänischen Flüchtlingspolitik. Anders als in Deutschland herrscht hier ein weitreichender politischer Konsens, möglichst wenig Asylbewerber ins Land zu lassen. 2019 beschloss das Parlament mit einer Mehrheit von Rechtspopulisten, bürgerlichen Parteien und Sozialdemokraten einen sogenannten Paradigmenwechsel, nach dem Aufenthaltsgenehmigungen für Flüchtlinge grundsätzlich befristet sind und nach Möglichkeit nicht verlängert beziehungsweise widerrufen werden sollen. Leistungen für Asylbewerber wurden gekürzt, Aufenthalts- und Meldepflichten verschärft, die Rückführung ins Herkunftsland erleichtert.
Zusätzlich schaltete die Regierung im Nahen Osten Anzeigen, in denen sie Flüchtlinge vor Dänemark warnte, und boxte ein Schmuckgesetz durch, nach dem die Polizei Asylbewerbern Wertgegenstände abnehmen darf, um damit deren Aufenthalt in Dänemark zu finanzieren. Ein Ghettogesetz verdoppelt unter anderem das Strafmaß für Menschen, die in bestimmten Wohngebieten leben. Das soll gegen Parallelgesellschaften helfen.
Das Schmuckgesetz «ist reine Symbolpolitik»
Die dänische Flüchtlingspolitik bestehe darin, Menschen zu verschrecken, sagt Bendixen der Nachrichtenagentur dpa. Das Schmuckgesetz etwa funktioniere praktisch nicht und werde kaum angewendet. «Das ist reine Symbolpolitik.» Der Regierung sei es wohl eher auf die Außenwirkung angekommen.
Treibende Kraft hinter diesem Vorgehen war nicht allein die rechtspopulistische Dänische Volkspartei, die bei den Wahlen nach dem Paradigmenwechsel abstürzte, sondern auch die damalige Ausländer- und Integrationsministerin Inger Støjberg von der rechtsliberalen Partei Venstre. Die 50. Verschärfung der Ausländerregeln bejubelte sie 2017 mit einer Jubiläumstorte und den Worten: «Das muss gefeiert werden.»
Befürworter einer härteren Asylpolitik in Deutschland preisen die Zahlen aus Dänemark gern als beispielhaft. Nach Angaben des Kopenhagener Ausländer- und Integrationsministeriums haben im vergangenen Jahr 4597 Menschen Asyl in Dänemark beantragt, in Deutschland waren es mehr als 244.000 Anträge. Um die Zahlen vergleichbar zu machen: Deutschland hat zwar rund 14 mal so viele Einwohner wie Dänemark, aber 53 mal mehr Asylbewerber.
Aufteilung in drei Gruppen
Wer sich in Dänemark als Asylbewerber registrieren lässt, landet in der Regel erst einmal in Sandholm und wird befragt. Danach sortiert die Einwanderungsbehörde die Menschen aus, die in Staaten des Dublin-Abkommens registriert sind, das europäische Asylverfahren regelt. Für diese Flüchtlinge fühlt sich Dänemark nicht zuständig. Die Übrigen werden in drei Gruppen geteilt: Bewerber, die offensichtlich abgelehnt werden können, Antragsteller, die genauer geprüft werden müssen, und Menschen mit einleuchtenden Asylgründen.