Antisemitische Angriffe in Europa - Spur zum Iran?
Autor: Jan Mies, Sara Lemel und Annette Birschel, dpa
, Mittwoch, 25. März 2026
Angriffe auf Synagogen und jüdische Einrichtungen in europäischen Städten schüren Angst und Sorgen. Die Behörden prüfen Verbindungen zur iranischen Führung - doch Beweise zu finden, ist kompliziert.
Vor einer Synagoge in Rotterdam wurde ein Feuer gelegt, in Amsterdam ein Sprengsatz an einer jüdischen Schule. In London brannten vier Krankenwagen eines jüdischen Rettungsdienstes, im belgischen Lüttich erschütterte eine Explosion die dortige Synagoge und die Nachbarschaft. Seit Beginn des Krieges der USA und Israels gegen den Iran kam es in mehreren europäischen Städten zu antisemitischen Attacken - als Teil einer hybriden Kriegsführung Teherans?
Obwohl es zum jetzigen Zeitpunkt keine eindeutigen Beweise für eine iranische Beteiligung an den Anschlägen gebe, «deuten die Umstände (...) stark auf eine von Iran unterstützte Aktivität hin», schreibt Julian Lanchès vom International Centre for Counter-Terrorism (ICCT) in einer aktuellen Analyse. Die Londoner Polizei prüft bei ihren Ermittlungen, die derzeit in alle Richtungen gehen, auch ein mutmaßliches Bekennervideo der neuen Gruppierung Harakat Ashab al-Jamin al-Islamia, deren Name seit Tagen immer wieder auftaucht.
Die Gruppe habe sich zu weiteren Anschlägen in Europa bekannt und habe möglicherweise Verbindungen zum iranischen Staat, sagte der Londoner Polizeichef Mark Rowley der Nachrichtenagentur PA zufolge. Er schränkte ein: «Es ist noch zu früh für mich, den Angriff (...) in Golders Green dem iranischen Staat zuzuschreiben.» Noch gilt der Brandanschlag auf den Rettungsdienst als antisemitisches Hassverbrechen, nicht als Terrorakt.
Unklarheit und Verwirrung als Teile der Kriegsführung
Die «bewusste Erzeugung von Unklarheit, um Verwirrung und Unordnung zu stiften», gehört der Analyse des Terrorismusexperten zufolge zu den besonderen Merkmalen der hybriden Kriegsführung. Terrorakte sind nicht eindeutig einem Staat zuzuordnen, sondern werden über Helfer und Helfergruppierungen ausgeführt - in den europäischen Fällen oftmals von jungen Menschen, die sich leicht von Ideologie und/oder Bezahlung leiten lassen. Ein ähnliches Vorgehen wird auch Russland vorgeworfen.
Der Bürgermeister von Lüttich, wo sich am 9. März der erste Anschlag mit möglicher Verbindung zu der Gruppierung ereignete, sprach von einem «extrem gewalttätigen Akt des Antisemitismus». In Rotterdam hatten die Behörden nach dem Brandanschlag auf die Synagoge am 13. März, bei dem ein geringer Sachschaden entstanden war, vier Verdächtige im Alter von 17 bis 19 Jahren festgenommen. In London nahm die Polizei nach der Attacke vom 23. März zwei Männer im Alter von 47 und 45 Jahren fest, auf den Überwachungsvideos waren drei mutmaßliche Täter zu sehen.
Die Sicherheitsbehörden etlicher Länder prüfen seit Jahren bei antisemitischen Straftaten oder Plänen dafür, ob Spuren nach Teheran führen. Der britische Inlandsgeheimdienst MI5 hat nach Angaben von Generaldirektor Ken McCallum innerhalb von zwölf Monaten «mehr als zwanzig potenziell tödliche, vom Iran unterstützte Anschlagspläne verfolgt». In Argentinien war im vergangenen Jahr beschlossen worden, zehn Verdächtige, darunter sieben Iraner, wegen des Anschlags auf das jüdische Gemeindezentrum 1994 in Buenos Aires in Abwesenheit vor Gericht zu stellen.
Seit Kriegsbeginn sind die Behörden noch stärker alarmiert, auch in Deutschland wurde vor einer erhöhten Terrorgefahr gewarnt. Insbesondere nach der Tötung des iranischen Staatsoberhaupts und Religionsführers Ali Chamenei sei damit zu rechnen, dass der Iran seine Netzwerke hierzulande für Terroranschläge auf jüdische und israelische Einrichtungen nutze, hatte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, gesagt. Berichtet wurde über aus dem Iran abgefangene Übertragungen, die der Aktivierung sogenannter Schläferzellen gedient haben könnten.