Wladimir Putin hat ernstgemacht: Seit Montag sind die Pussy-Riot-Mitglieder Maria Aljochina und Nadeschda Tolokonnikova wieder auf freiem Fuß. Aber wie hat die Geschichte um die kreml-kritische Frauengruppe eigentlich begonnen? spot on news blickt zurück.
Wladimir Putins Handeln bleibt dem Westen unergründlich: Vergangene Woche hatte der russische Präsident überraschend eine Amnestie für zahlreiche Inhaftierte angekündigt. Auch die Musikerinnen der kreml-kritischen Punkband Pussy Riot sollten in die Freiheit entlassen werden - und damit ein vorläufiger Schlussstrich um eine in aller Welt beachtete Affäre um Meinungsfreiheit, Menschenrechte und die Rolle der Religion im heutigen Russland gezogen. Seit dem heutigen Montag ist nun die Aktivistin Maria Aljochina (25) tatsächlich wieder auf freiem Fuß. Auch ihre Kollegin Nadeschda "Nadia" Tolokonnikova (24) wurde aus der Haft entlassen.
Putins unerwartete und späte "Gnade" - Aljochina und Tolokonnikowa wären vermutlich im März 2014 ohnehin freigekommen - folgt fast zwei Jahre nachdem die Musikerinnen der Band festgenommen worden waren. Im Februar 2012 hatten sie in der Moskauer Erlöserkathedrale mit Strumpfmasken vermummt ein "Punk-Gebet" gegen die Rückkehr Putins ins Präsidentenamt angestimmt. Spätestens seit dem Tag ihrer Verurteilung im August 2012 sind Pussy Riot in weiten Teilen der Welt bekannt.
Zuvor war die Gruppe von Aktivistinnen bestenfalls ein regionales Phänomen: Im Sommer 2011 gegründet, machten sie mit eher kleinen Aktionen auf sich aufmerksam. In leichten Kleidern und mit Sturmhauben maskiert sangen sie zum Beispiel auf dem Roten Platz Spottlieder auf Wladimir Putin und die russische Regierung - Mitglieder der Band fielen aber auch mit öffentlichem Gruppensex als Performance in einem Naturkundemuseum auf. Den russischen Behörden war das meist nur kleine Geldstrafen wert, ausländischen Medien kaum eine Notiz. Immerhin machte die Verbreitung der Videos von den Aktionen über das Internet die Aktionen einem größeren Publikum zugänglich.
Mit dem Prozess wegen des "Punk-Gebets" in der Kathedrale wurde die Band zu einem Symbol: "Rowdytum" und "Aufstachelung zu religiösem Hass" warf das Gericht den Musikerinnen vor, weil sie zwei Wochen vor der Präsidentenwahl in einer der bedeutendsten Kirchen Russlands Zeilen gesungen hatten wie "Maria, Mutter Gottes, verjage Putin" und "Patriarch Gundyaev glaubt an Putin, er würde besser an Gott glauben". Und sich so gegen den Wahlkampf der Kirche für Putin wehrten. Eine der Verurteilten, Kaya Samuzewitsch (30), wurde später auf Bewährung freigelassen. Angeblich, weil sie bei der Aktion nicht selber mitgesungen hatte.
Bereits zwei Wochen nach der Performance in Moskau wurde Wladimir Putin zum dritten Mal zum russischen Präsidenten gewählt. Um Pussy Riot war es seitdem künstlerisch eher ruhig geworden. Die Sanktionen zeigten durchaus Wirkung: "Solange zwei von uns noch inhaftiert sind, können wir keine Performances mehr machen. Das wäre zu gefährlich für sie", sagte ein Bandmitglied Anfang Juli der "taz". Vor diesem Hintergrund scheint es auch zumindest fraglich, ob ein im Juli 2013 aufgetauchtes Pussy Riot-Video tatsächlich von der Band selbst stammt. Samuzewitsch sprach von einem "Fakeclip". Tolokonnikowas Mann Pjotr Wesilow sagte hingegen, das Video stamme tatsächlich von der Band.
Ob sich der russische Staat am Ende als Sieger in der Affäre um den umstrittenen Protestauftritt fühlen kann, ist aber trotzdem unklar: Denn das Urteil hatte weltweit Empörung ausgelöst, die bis heute nicht völlig abebben wollte. Amnesty International erkannte die Frauen als politische Gefangene an. Von "gulag-ähnlichen Haftbedingungen" war die Rede, Tolokonnikowa trat mehrmals in Hungerstreik. Und Ende Juli unterschrieben mehr als 100 Musiker einen offenen Brief, der die Freilassung der zwei forderte. Unter den Unterzeichnern fanden sich etwa Madonna, Bruce Springsteen, Elton John und U2.
Wie es nach der Freilassung Aljochinas und Tolokonnikowas mit der Band weitergehen wird, muss sich zeigen. Wird die Gruppe wieder politisch aktiv sein? Oder hat die Zeit im Gefängnis einen Keil zwischen die Mitglieder getrieben? Zweiteres ließen zumindest die Unstimmigkeiten um das im Sommer veröffentlichte Pussy Riot-Video vermuten. Tolokonnikowas Ehemann Wersilow hatte hingegen unlängst in der "Berliner Zeitung" angekündigt: "Wir sind nach der Verurteilung der drei Frauen stets in engem Kontakt geblieben und die Gruppe setzt ihre Aktivitäten fort."
