Wer schreibt denn heute noch Opern?
Autor: Britta Schultejans, dpa
, Sonntag, 10. Mai 2026
Verdi, Wagner, Mozart: Die großen Opernkomponisten sind längst tot, doch jeder Klassik-Fan kennt ihre Werke. Aber wie sieht das mit den Opern von heute aus?
Als Wolfgang Amadeus Mozarts «Hochzeit des Figaro» am 1. Mai 1786 im Wiener Burgtheater uraufgeführt wurde, war das ein Skandal. Adels-Bashing drei Jahre vor der Französischen Revolution - das galt dem ein oder anderen als ziemlich gefährlich. Oper war Stadtgespräch, Oper war politisch, und noch heute dürfte kein Opernhaus, das etwas auf sich hält, dauerhaft ohne Mozarts berühmtes Werk auskommen.
Wenn die Bayerische Staatsoper nun an diesem Sonntag die neu komponierte Oper «Of One Blood» über die Königinnen Mary Stuart und Elizabeth I. zum allerersten Mal auf die Bühne bringt, dann dürfte - soviel spekulative Prophezeiung sei erlaubt - ein Aufschrei wie der von 1786 in Wien wohl ausbleiben.
Und ob den Komponisten Brett Dean und die Librettistin Heather Betts in 240 Jahren noch jemand kennt und die großen Opernhäuser ihr Werk dann noch spielen, das muss sich zumindest erst noch zeigen - immer vorausgesetzt, es gibt in zwei Jahrhunderten überhaupt noch so etwas wie Theater.
«Ich bin ganz hoffnungsvoll, dass unsere Oper ein Werk ist, das die Aufmerksamkeit von Opern-Liebhabern auf sich ziehen kann», sagt Dean, ein 64 Jahre alter Komponist aus Australien, der Deutschen Presse-Agentur vor der Uraufführung seines Werkes in München.
«Heutzutage wünsche ich mir natürlich, dass dieses Werk einem neuen Publikum hilft, den Weg in die Oper zu finden. Das Publikum zeigt Einsatz, wenn es für einen ganzen Abend in unsere Welt kommt. Und es ist unsere Aufgabe, sie dort zu halten - fasziniert.»
«Eine Uraufführung ist immer eine Reise in völlig unbetretenes Land – ein Zustand, den ich liebe», sagt der Regisseur Claus Guth, der «Of One Blood» in München inszeniert. «Man kann sich auf nichts verlassen, es gibt keine Referenzen, keine gewachsenen Traditionen. Man muss eine eigene Sprache finden, die möglichst genau den Kern der Komposition trifft.»
Und um Wirkung zu erzeugen, brauche es auch keinen Skandal. «Früher standen Opern viel stärker mitten im politischen und gesellschaftlichen Leben.» Wenn ein Stück neue Ideen gezeigt oder eine bestehende Ordnung infrage gestellt habe, habe das unmittelbar Reaktionen auslösen können – bis hin zum Skandal. «Heute ist Oper stärker Teil eines etablierten Kulturbetriebs. Viele Themen sind bekannt, vieles wird schneller eingeordnet und erklärt. Dadurch entsteht weniger unmittelbare Reibung», sagt Guth.