«Für mich ist die Frage deshalb nicht, wie man einen Skandal erzeugt, sondern wie man eine andere Form von Dringlichkeit herstellt. In unserer Arbeit geht es darum, die Mechanismen sichtbar zu machen – also zu zeigen, wie Macht funktioniert, wie Entscheidungen entstehen und welche Konsequenzen sie haben. Das kann leiser sein als ein Skandal, aber nicht weniger intensiv.»
Nur acht Prozent Uraufführungen an der Oper
Dabei tut sich die zeitgenössische Oper in Deutschland alles andere als leicht. Laut Bühnenstatistik des Deutschen Bühnenvereins gab es in der Spielzeit 2023/24 auf den Bühnen des Landes 56 Opern-Uraufführungen. Das macht einen Anteil von 8 Prozent aller Opern-Inszenierungen aus. 91.384 Zuschauer sahen diese Uraufführungen - und damit weniger als halb so viele wie Mozarts wohl berühmteste Oper.
Zum Vergleich: Allein seine «Zauberflöte» sahen sich im gleichen Zeitraum deutschlandweit 189.697 Operngänger in 19 Inszenierungen und 202 Aufführungen an verschiedenen Häusern an.
«Für mich hat zeitgenössische Oper es deshalb schwerer, weil sie anders funktioniert. Viele Werke aus dem Repertoire sind über lange Zeit gewachsen – man kennt ihren Klang, ihre Dramaturgie, ihre Formen», sagt Regisseur Guth. «Bei neuen Opern ist das anders: Sie bringen ihre eigene Sprache mit, und man begegnet ihnen ohne Vergleich.»
«Spielpläne kleben oft an der Vergangenheit»
«Spielpläne kleben oft an der Vergangenheit, aber das Publikum wird dabei unterschätzt. Es hat keine Angst vor neuen Klängen, nur vor Langeweile oder Belehrung», sagt Manuela Kerer, künstlerische Leiterin der Münchner Biennale, eines Festival für zeitgenössisches Musiktheater, das ebenfalls an diesem Wochenende startet (bis 20.5.).
Tatsächlich würden zurzeit sehr viele Musiktheaterwerke in Auftrag gegeben, auch von großen Häusern. «Natürlich ist zeitgenössisches Musiktheater kein Selbstläufer, man muss das Publikum abholen, wo es eine Dringlichkeit erkennen kann.»
Die Menschen, die sich heute - wie Dean und Betts - die Mühe machen, eine komplett neue Oper zu komponieren und zu texten, seien mutig, sagt die zweite künstlerische Leiterin der Biennale, Katrin Beck. «Das sind die Komponierenden, die nicht im Elfenbeinturm Staub ansetzen wollen, sondern die Herausforderungen im Hier und Jetzt suchen. Sie nehmen den Aufwand auf sich, weil sie sehen, wie viel Potenzial und Möglichkeiten dieses Genre hat, das uns mit allen Sinnen erfassen kann», betont sie.
Krise? Welche Krise?
«Wir möchten nicht von Opernkrise sprechen, speziell nicht im zeitgenössischen Bereich. Das Interesse ist absolut da. Die Vorstellung, Oper sei früher ein "gemütliches Ruhekissen" gewesen, ist Nostalgie.»
Sie sagt aber auch: «An der "Zauberflöte" und ihrem Spitzenplatz als meist gespielte Oper wird auch in 100 Jahren schwer vorbeizukommen sein.» Chancen sieht sie dennoch. «Aber: definitiv ja! Moderne Opern können Wagner, Verdi, Mozart Konkurrenz machen, wenn die Spielpläne der Opernhäuser ihre große Liebe zur Verlässlichkeit etwas aufweichen. An Talent mangelt es nicht.»