Es ist also ein wenig wie beim - Achtung, Griff ins hohe Regal - mysteriösen Street-Art-Superstar Banksy: Wer Wolfgang Petrys Gedankenwelt deuten will, muss vor allem sein Werk studieren. Was allerdings gar nicht so leicht ist, weil seine Ohrwürmer wie «Wahnsinn» oder «Verlieben, verloren, vergessen, verzeih'n» das Bewusstsein derart in Beschlag nehmen, dass man schneller mitsingt, als irgendeine weitere Frage zu stellen.
Das neue Album aber ist bewusst als ein Guckloch in die «Wolle»-Welt und als Retrospektive angelegt. Petry ist am 22. September 75 Jahre alt geworden, zudem feiert er sein 50. Bühnenjubiläum. Die beiden Daten rahmen das Album ein. Seine einstige Debütsingle «Sommer in der Stadt» von 1976 hat er für die Platte zum Beispiel als Jubiläumsversion neu aufgenommen.
Noch interessanter sind aber die ganz neuen Lieder. Dazu zählt etwa das Liebeslied «Wegen dir» oder das Klavier-Stück «Ich hab ein Leben lang gewartet», in dem der Schlagersänger über Liebe, Vertrauen und Freundschaft im Verlauf der Jahrzehnte singt.
Der Song «Morgen Gold» ist eine Art Selbstbespiegelung. «Gestern war Bronze, heute ist Silber, morgen ist Gold!», singt Petry dort, was andeutet, dass er für sich - trotz der Sache mit dem Rücken - noch eine güldene Zukunft erwartet. Fans können den Text aber auch als Weitererzählung seines einstigen Megahits «Bronze, Silber und Gold» verstehen.
Besonders viel gibt Petry mit dem Lied «Weiter immer weiter» preis - nämlich seine Familienverhältnisse. Neben ihm selbst sind auf der Aufnahme auch sein Sohn Achim - ebenfalls Schlagersänger - sowie sein Enkel Giorgio zu hören. Der ist laut Begleitmaterial noch Student.
Die Familie singt mit
Petry wirkt geradezu begeistert von dem Nachkommen. Giorgio habe noch nie vorher vor einem Mikro gestanden. «Völlig ohne Nervosität sang er nach kurzer Anleitung seine Strophen und dann den Refrain ein», erzählt Petry. «Ich hatte eine Gänsehaut. Kann nur sagen: ein Naturtalent!»
Auffällig auch, wie wenig Scheu Franz Hubert Wolfgang Remling - so der bürgerliche Name - hat, ein gewisses Hadern mit der Moderne zu vertonen. Im Lied «Zehn Mark» besingt er die Sehnsucht nach einer vermeintlich übersichtlicheren Welt. Der Supermarkt etwa sei «megakompliziert». «Die Kasse streikt, weil der Code nicht funktioniert. Suche meine Butter, doch hier steht nur: vegan. Was ist passiert? Was haben wir nur getan?», singt Petry. Inhaltlich liegt das sehr nah an der oft belächelten Generationenklage älterer Männer.
Petry aber beschwichtigt: Das sei natürlich alles mit einem Augenzwinkern gemeint. Aber, nun, es stecke auch «'ne Menge Wahrheit» drin. «Ein Beispiel, ich habe gar keine Kreditkarte, auch kein Handy und man wollte mich gar nicht aus dem Parkhaus lassen», berichtet er. «Jetzt muss meine Frau immer mitfahren, damit ich mich befreien kann.»
Kurzum: Für den Weg aus dem Parkhaus braucht Wolfgang Petry also inzwischen seine Frau. Den Weg zu einem guten Refrain findet er aber nach wie vor allein. Das erklärt er an anderer Stelle des Albums sogar selbst: «Junge, häng dich rein. Alles, was du brauchst, ist ein geiler Reim.»
Und vielleicht ist das alles, was man über Wolfgang Petry wissen muss.