Wagner hören - Darf man das?
Autor: Kathrin Zeilmann und Britta Schultejans, dpa
, Montag, 20. Juli 2026
Wagner äußerte sich antisemitisch, Hitler liebte seine Musik und war ein Freund der Familie. So weit, so schlimm? Das Ringen um eine Gedenkveranstaltung zeigt: Es ist alles noch viel komplizierter.
In den langen Pausen, die das Programm zwischen den einzelnen Aufzügen der Opern im Bayreuther Festspielhaus vorsieht, ist viel Zeit. Zeit genug, um durch die Outdoor-Ausstellung «Verstummte Stimmen» zu flanieren, die an verfolgte und ermordete jüdische Mitwirkende des Festivals erinnert.
Seit neuestem gibt es auch ein Digitalprojekt unter der gleichen Überschrift. Schicksale von 300 Künstlern und Mitarbeitern großer deutscher Opernhäuser, die in der NS-Zeit ausgegrenzt, verfolgt oder ermordet wurden, sind dafür aufbereitet worden. Man dürfe nie vergessen, was passiert ist, sagt Bayreuths OB Andreas Zippel (SPD). «Wir geben den "Verstummten Stimmen" wieder eine Stimme.»
Die Vergangenheit ruht nicht am Grünen Hügel. Und viele Kapitel dieser Vergangenheit sind dunkel. Das Ringen um eine Gedenkveranstaltung zum 150. Festspieljubiläum zeigt: Man wird die Schatten nicht so einfach los.
Richard Wagner (1813-1883) äußerte sich wiederholt übelst antisemitisch. Ob er auch antisemitische Motive und Stereotype in seinen Werken bediente, ist Gegenstand der Forschung. Der Theater- und Musikwissenschaftler Anno Mungen etwa sagte dem BR, er sei überzeugt davon, dass sich Wagners Antisemitismus auch im Werk finden lasse, etwa im «Ring».
Welche Antwort findet Michel Friedman?
Später wurde Bayreuth zu einem Zentrum des nationalistisch-völkischen Denkens, dann schließlich Adolf Hitler zum gerngesehenen Gast und Freund der Wagners. Die Festspiele und der Nationalsozialismus waren aufs Engste verwoben. Vor diesem Hintergrund stellt sich natürlich die Frage: Darf man das - darf man in diesem Wissen ein Festspieljubiläum feiern, darf man unbedarft, verzückt und ergriffen Wagner hören?
Mit Spannung wird erwartet, welche Antwort der jüdische Publizist Michel Friedman findet, wenn er am 26. Juli im Festspielhaus eine Rede hält. Nun also doch. Denn zwischendurch war die Veranstaltung abgesagt worden, wegen Sicherheitsbedenken, wie es offiziell hieß. Nach einem Sturm der Entrüstung entschuldigte sich Festivalchefin Katharina Wagner bei Friedman.
«Der Boden in Bayreuth ist kontaminiert»
Ein Vorgeschmack gefällig? Der «SZ» sagte Friedman: «Der Boden in Bayreuth ist kontaminiert. Wagner streute das Gift, in den Dreißigerjahren brachte man es in Bayreuth noch tiefer in den Boden ein, und mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland ist hier nichts aufgeräumt worden.»