Ermordete ein junger Schweizer Gardist wirklich seinen Vorgesetzten? Veranlasste ein Erzbischof die Entführung eines jungen Mädchens? Während der Vatikan zu mysteriösen Kriminalfällen wie diesen schweigt, wollen die Angehörigen endlich Gewissheit. In einer ZDF-Doku erzählen sie ihre Geschichten.
In seinen Büchern "Illuminati" (2000) und "Sakrileg" (2003) machte der US-amerikanische Autor Dan Brown die katholische Kirche und den Vatikan zum Zentrum von Mordkomplotten und Verschwörungen. Diese Geschichten sind zwar frei erfunden, doch der kleinste Staat der Welt versteckt tatsächlich zahlreiche Geheimnisse hinter seinen Mauern. Das ZDF beleuchtet in einer neuen Ausgabe von "Terra X History" Kriminalfälle innerhalb der Enklave, die bis heute Fragen aufwerfen.
Da ist zum einen der Mord am Kommandanten der Schweizer Garde, Alois Estermann, seiner Ehefrau Gladys und dem jungen Vizekorporal Cédric Tornay am 4. Mai 1998. Tornay soll in einem Anfall von Wahnsinn erst das Ehepaar und dann sich selbst erschossen haben, erklärte der Vatikan nur drei Stunden, nachdem die Toten in der Wohnung des Kommandanten gefunden worden waren.
Doch die Mutter des vermeintlichen Täters, Muguette Baudat, zweifelt bis heute an der Schuld ihres Sohnes: "Ich will Cédric nicht reinwaschen. Ich will nur, dass der Vatikan mir beweist, dass Cédric die Tat begangen hat - das ist alles", erklärt die Schweizerin in der ZDF-Doku.
"All das lässt nichts anderes zu als Zweifel über Zweifel aufkommen zu lassen"
Nach der Tat wurde die Wohnung zwar untersucht, jedoch nur von Ermittlern des Vatikans. Diese, stellte die Baudats Anwältin Laura Sgrò später fest, hätten dabei nicht einmal alle Handschuhe getragen. Insgesamt hielten sich laut den Akten über 20 Personen nach dem Mord dort auf. Dennoch sei das gefundene Blut nicht untersucht worden. Es "hätte also von irgendjemandem kommen können", kritisiert Sgrò in der ZDF-Doku. Sie findet: "All das lässt nichts anderes zu, als Zweifel über Zweifel aufkommen zu lassen."
Dabei scheint ein Abschiedsbrief des jungen Gardisten die Tatversion des Vatikans zunächst zu untermauern. Doch Tornays Mutter glaubt auch heute noch: Ihr Sohn habe "diesen Brief nie geschrieben". Es sei nicht seine Schrift, erkannte sie damals. Weitere Details warfen nur noch mehr Fragen auf: Tornay schrieb von "drei Jahren, sechs Monaten und drei Tagen" voller Ungerechtigkeit. Doch diese Dienstzeit ist falsch. Außerdem unterzeichnete er den Brief nicht wie sonst mit seinem Namen und auch die Adressierung an seine Mutter wies einen Fehler auf.
Neun Monate nach der Tat erhält sie die persönlichen Gegenstände ihres Sohnes, darunter auch die Kugel, mit der sich Tornay angeblich das Leben genommen haben soll. Doch an ihr ist kein einziger Kratzer und keine Delle zu finden - sie wurde nie abgefeuert.
"Meiner Meinung nach hat der Vatikan versucht, Beweise zu verschleiern"
Das Verhalten einiger Geistlicher gegenüber Tornays Mutter nach dem Mord erscheint rückblickend ebenfalls fragwürdig. Nachdem sie vom Tod ihres Sohnes erfahren hatte, wollte Baudat unverzüglich nach Rom reisen und ihn sehen. Doch ein Kaplan habe versucht, sie bei einem Telefonat davon abzubringen. Tornays Körper verwese bereits. "Ich fragte: Haben Sie keine Kühlschränke in Rom? Das kann doch nicht sein!", erinnert sich Baudat. Ein Priester habe außerdem versucht, die Mutter davon zu überzeugen, die Leiche ihres Sohnes einäschern zu lassen, erzählt ihre Anwältin.