"Wir wussten eigentlich nichts": Wie Wacken zur Legende wurde
Autor: Frank Rauscher
, Mittwoch, 13. Mai 2026
Wenn die grüne Wiese zum Holy Ground wird: Der Dokumentarfilm "Wacken - Hearts Full of Metal" erzählt die Geschichte des legendären Open-Air-Festivals aus Sicht seiner Gründer.
Ob es wirklich stimmt, was böse Zungen behaupten, nämlich dass die Gemeinde Wacken mehr Kühe als Einwohner hat, ist an dieser Stelle nicht wirklich nachzuprüfen. Ganz unwahrscheinlich scheint es aber nicht zu sein. Fakt ist auf jeden Fall, dass der 2.100-Seelen-Ort im Kreis Steinburg in Schleswig-Holstein jedes Jahr Anfang August von einer Invasion heimgesucht wird, die es in dieser Form auf der ganzen Welt kein zweites Mal gibt.
80.000 bis 90.000 Metalfans werden es auch in diesem Jahr wieder sein, die sich ab Mittwoch, 29. Juli, in den hohen Norden begeben, um im Beisein zahlreicher Rindviecher für ein paar Tage die Sau rauszulassen. Das Wacken-Open-Air, kurz "W:O:A" (das Akronym prangt als Aufkleber auf allerlei Vehikeln im ganzen Land), ist eine fürwahr lebende Legende. Dank der Veranstaltung, die einst, 1990, mit nur 800 Besuchern ihren Anfang genommen hat, wurde aus dem Dorf eine Marke, ein Mythos, für viele sogar ein Lebensgefühl. Wackäääääään! Der Dokumentarfilm "Wacken - Hearts Full of Metal" (bereits in ausgewählten Kinos und ab Donnerstag, 4. Juni, bei Magenta TV) macht sich nun einmal mehr auf die Spur dieses märchenhaften Stückes Rockgeschichte.
Es gab schon einige Dokumentarfilme, die sich am Mythos Wacken abarbeiteten. Sie konzentrierten sich mehr oder weniger auf die Musik oder eben auf die Skurrilität, dass in der idyllischsten, schrulligsten, liebenwürdigsten Provinz, die man sich überhaupt nur vorstellen kann, regelmäßig dieser geballte Wahnsinn in Fünfliter-Dosen Einzug hält. Dieser neue Film rückt nun aber vor allem die beiden Festivalgründer Thomas Jensen und Holger Hübner in den Fokus: zwei typisch norddeutsche Protagonisten, echte Typen, die beweisen, dass auch Stoiker richtige Enthusiasten sein können. "Die Party war die Motivation", gibt Jensen gleich zu Beginn des Films der renommierten Regisseurin Cordula Kablitz-Post ("Weil Du nur einmal lebst - Die Toten Hosen auf Tour", Grimme-Preis Spezial für die ARTE-Reihe "Durch die Nacht mit ...") zu Protokoll: "Party mit unseren Kumpels. Unserer Musik. Und keiner soll uns nerven!"
Sicher, ein recht grober Plan. Aber wenn man die Sachen mit dem Nerven vielleicht mal unterschlägt, denn es standen in all den Jahren seit 1990 immer wieder Hindernisse im Weg, wurde er perfekt umgesetzt. Was Jensen "eine ganz naive Kneipenidee" nennt, war der Beginn einer spektakulären Abenteuerreise. "Wir wussten eigentlich nichts", so der Festivalgründer. "Und dann haben wir mit unseren Kumpels angefangen zu planen."
Erst kam Covid und dann der Regen
Dass das alles recht lustig klingt, gehört natürlich zum kultigen Narrativ rund um das Wacken-Festival. Schon klar, am Anfang war nur Acker, und dann kamen die Rock-Götter und sagten: Es werde Metal! Die Felder und Wiesen heißen ja nicht umsonst Holy Ground. Aber ganz so muckelig war es in Wahrheit dann doch nicht, wie die Wacken-Gründer Thomas Jensen und Holger Hübner in der Produktion der beetz brothers film production berichten.
Man muss sich nur mal die Entwicklung der Zuschauerzahlen der Anfangsjahre anschauen: 800 Leute kamen beim ersten Mal, es wurden nur ganz allmählich mehr, 1995 waren es 5.000. Ein zähes Geschäft. Denn ein Rockfan, der was auf sich hielt, machte damals, in den Zeiten von Cobain und Vedder, einen weiten Bogen um die Spielarten des Heavy Metal. Andererseits: Zwei Jahre zuvor hatte Hübner einen schweren Autounfall überlebt. Da ließen sich die Macher doch von so einem Grunge-Hype nicht mehr unterkriegen. Sie hielten an ihrem Traum fest, zogen das Ganze immer professioneller auf. Und dann also doch: Das W:O:A wurde groß und größer. 2006 kamen 48.000 Fans, 2010 erstmals über 80.000.
Schwere Rückschläge gab es dennoch. So fiel das Festival aufgrund der COVID-19-Pandemie im Jahr 2020 und 2021 aus. 2023 verwandelte tagelanger Dauerregen die Campingplätze und das Infield in eine massive Schlammwüste. Überhaupt der Schlamm. Den gab es oft in Wacken, für manche gehört er womöglich schon dazu. Aber das war dann doch eine andere Nummer: Die Veranstalter mussten ein Anreiseverbot verhängen, da viele Flächen nicht mehr befahrbar waren. 35.000 Fans kamen nicht mehr auf das Gelände. "Das Festival ist abgesoffen", heißt es im Film. 35.000 Menschen mussten nach Hause fahren. Jensen sagt es in aller Sachlichkeit: "Es gibt keine Sicherheit."