Druckartikel: Wie Nazi-Täter fliehen konnten und Karriere machten

Wie Nazi-Täter fliehen konnten und Karriere machten


Autor: Maximilian Haase

, Mittwoch, 14. Oktober 2026

Wie konnten viele Nazi-Täter nach dem Holocaust untertauchen? Die ARTE-Doku "Ein NS-Verbrecher auf Jobsuche" zeigt am Beispiel von Walther Rauff, wie Kriegsverbrechern die Flucht gelang. Der Zweiteiler läuft im Rahmen des Themenabends "Europa nach dem Krieg".


Nach dem Menschheitsverbrechen der Shoa wurden einige der nationalsozialistischen Täter zur Verantwortung gezogen - viele jedoch entkamen ihrer Festnahme und lebten unbehelligt weiter. Wie gelang so eine Flucht vor der gerechten Strafe? Weshalb konnten die größten NS-Schergen untertauchen? Und wer half ihnen dabei? Die Dokumentation "Ein NS-Verbrecher auf Jobsuche" rekonstruiert am Beispiel des Kriegsverbrechers Walther Rauff, wie die Verantwortlichen für den Holocaust entkommen konnten. ARTE strahlt den Zweiteiler im Rahmen des Themenabends "Europa nach dem Krieg" aus, der im Anschluss Filme zur Neuen Rechten in Europa und zum Antisemitismus im Rumänien Ceausescus zeigt.

Walther Rauff, geboren 1906 in Köthen, war entscheidend am Massenmord beteiligt, wie der erste Teil der Doku (ab 20.15 Uhr) zeigt: Weil das Totschießen von Menschen für die Wehrmachtssoldaten als zu "belastend" empfunden wurde, erfand er 1942 die sogenannten Gaswagen, mit deren Hilfe man auch in den besetzten Regionen systematisch morden konnte. In den Jahren danach sollte er in Tunesien die Deportation der Juden Nordafrikas planen, was nur durch den Sieg der Alliierten ein Ende fand. Anschließend leitete er die Gestapo in Norditalien, verfolgte dort auf barbarische Weise Juden und Partisanen. Mit dem Einmarsch der US-Army und der drohenden Kapitulation suchte Rauff einen Weg, seiner Strafe zu entkommen.

Mit einem Netzwerk aus Helfern von allen Seiten gelang dem Verbrecher die Flucht: Während sich die katholische Kirche für ihn einsetzte, sah die US-Siegermacht ihn eher als Helfer im Kampf gegen die Sowjets an. Eine Festnahme interessierte die US-Geheimdienste, darunter den späteren CIA-Chef Allen Dulles, schlicht nicht. Zwar kam Rauff in ein Gefangenenlager in Rimini, konnte aber nach Rom entkommen und dort anderen Tätern zur Flucht verhelfen. Auch er schaffte es in den Nahen Osten, wo er 1948 den syrischen Diktator Husni az-Za'im als persönlicher Berater unterstütze.

Karriere unter Verbrechern in Chile

Teil zwei des Films von Regisseur Jean-Christophe Klotz widmet sich dann ab 21 Uhr dem zweiten Leben Walther Rauffs in Südamerika. Anhand von Geheimdienstdokumenten aus CIA- und BND-Archiven rekapituliert die Doku die Flucht des Nazitäters: Er flieht 1949 nach Ecuador, lernt dort den späteren chilenischen Diktator Augusto Pinochet kennen. Schließlich geht er selbst ins Exil in den Süden Chiles - und bleibt dort ein gefragter Mann. Bei den westlichen Geheimdiensten steht er wegen seiner Kenntnisse aus der NS-Zeit im antikommunistischen Kampf hoch im Kurs. Der BND schützt ihn so sehr, dass er sich sogar in der - überhaupt von Altnazis in hohen Positionen durchsetzten - Bundesrepublik aufhalten kann. Trotz seiner Verbrechen, trotz Haftbefehls. Erst als er im Zuge des Eichmann-Prozesses als Initiator der Gaswagenmorde bekannt wird, wird es der BRD zu heikel, wie der Film zeigt.

Es kommt zu einem Auslieferungsgesuch und einer Festnahme in Chile. Das Verfahren dehnt sich aber über so lange Zeit, dass es nach chilenischem Recht verjährt und Rauff wieder in Freiheit kommt. Und fortan Karriere macht: Nach dem Putsch Pinochets 1973 arbeitet er für dessen Geheimpolizei, verfolgt (wie schon zu NS-Zeiten linke) Diktaturgegner und unterhält Beziehungen zum Internierungslager Dawson. Auch die berüchtigte Sekte Colonia Dignidad, ein Sammelbecken für alte Nazis, Folterer und Pädophile, steht mit Rauff in Verbindung. Die Doku zeichnet anhand von seltenen Archivaufnahmen und historischen Quellen nach, wie ein solcher Menschenfeind nicht nur ungesühnt weiterlebte, sondern weiterhin an Verbrechen beteiligt war. Als Walther Rauff 1984 nach einem langen Leben in Chile ohne jede Strafe stirbt, wird er noch bei der Beerdigung mit Hitlergrüßen bedacht.

Neue Nazis und Menschenhandel mit Juden

Auch in der Bundesrepublik machten viele Altnazis Karriere und wurden dabei von der Neuen Rechten beerbt, wie die Doku im Anschluss zeigt. Ab 21.55 Uhr zeichnet der Film "Alte Nazis und Neue Rechte - Der große Rechtsruck nach dem Krieg" nach, in den 60er-Jahren die NPD mit vielen alten NSDAP-Mitgliedern um Adolf von Tadden in Landtage zieht. Auch in Frankreich entsteht zu jener Zeit die Novelle Droite, deren Plan aber eher auf eine Dominanz der Debattenkultur abzielt. Wie kam es zu diesem (Wieder-)Aufstieg der Rechten und wie reagierte die Zivilgesellschaft?

Gleich danach, um 22.50 Uhr, widmet sich der Themenabend einer so unglaublichen wie unbekannten Geschichte aus der Nachkriegszeit in Osteuropa: Im sozialistischen Rumänien unter Ceaușescu wurden Jüdinnen und Juden seit den 50er-Jahren bis zum Fall des Eisernen Vorhangs regelrecht verkauft - ihre Ausreise gegen Maschinen, Vieh und Devisen, später auch direkt aus Israel. Der Film "Ausreise gegen Devisen - Rumäniens geheime Deals" zeichnet nach, wie das Land durch diesen Menschenhandel bald seine gesamte jüdische Bevölkerung verlor.

Die Dokus "Ein NS-Verbrecher auf Jobsuche" und "Ausreise gegen Devisen - Rumäniens geheime Deals" sind bereits ab Dienstag, 3. November, in der ARTE-Mediathek verfügbar, "Alte Nazis und Neue Rechte" erst am Tag der linearen Austrahlung.

Ein NS-Verbrecher auf Jobsuche - Di. 10.11. - ARTE: 20.15 Uhr

Quelle: teleschau – der mediendienst