"Wie im falschen Film": ARD-Doku zeigt, wie Sebastian T. Justizopfer im "Eiskellerfall" wurde
Autor: Friederike Hilz
, Dienstag, 27. Januar 2026
Wegen Mordes an der Medizinstudentin Hanna W. sitzt Sebastian T. 945 Tage unschuldig im Gefängnis. Eine ARD-Doku zeigt, wie Ermittler, Staatsanwaltschaft und das Gericht den jungen Mann im Stich ließen.
Seit dem 3. Oktober 2022 ist im oberbayerischen Aschau im Chiemgau nichts mehr, wie es einmal war. Die 23-Jährige Medizinstudentin Hanna W. wird tot aufgefunden. Polizei und Rechtsmedizin gehen schon bald von einem Gewaltverbrechen aus: Ein Mann soll sie aus sexuellen Motiven umgebracht und in einen Wildbach geworfen haben.
Nachdem verschiedene Zeuginnen und Zeugen von einem Jogger in der Nacht berichten, scheinen die Behörden überzeugt zu sein, einen ersten Tatverdächtigen gefunden zu haben. Dabei weist nichts darauf hin, dass der damals 20-jährige Sebastian T. etwas mit dem Tod von Hanna W. zu tun hat.
Trotzdem wird der Auszubildende vom Landgericht Traunstein wegen gefährlicher Körperverletzung und Mordes verurteilt - zu Unrecht, wie sich mehr als ein Jahr später in einem zweiten Prozess herausstellt. Eine dreiteilige "ARD Crime Time"-Doku zeigt nun, wie Sebastian T. zum Justizopfer wurde.
Trotz mangelnder Beweise wird Sebastian T. zum Hauptverdächtigen
Eigentlich ist am 2. Oktober nur wenigen so richtig zum Feiern zumute: Schon den ganzen Tag prasselt der Regen auf die Straßen des kleinen Ortes herab. Entsprechend hoch fließt bereits das Wasser in der Prien und einem ihrer Zuflüsse, dem Bärbach. Dennoch macht sich Hanna W. auf den Weg zu einer Freundin - schließlich hat sie es ihr versprochen. Gegen 23 Uhr macht sich die Freundesgruppe auf den Weg in den Eiskeller und feiert dort weiter. Dabei greift Hanna W. immer wieder zum Alkohol. Als sie gegen halb drei den Club verlässt, hat sie 2,09 Promille im Blut.
Sebastian T. ist nicht feiern. Der 20-Jährige versucht vergebens, in seinem Elternhaus einzuschlafen, und beschließt schließlich, joggen zu gehen. Auf seiner Runde läuft er über den Parkplatz des Clubs. Laut Polizei habe er dort Hanna W. gesehen und eine extra Runde gedreht, um der Studentin zu begegnen. Dass er sie wegen einer Mauer kaum hätte erkennen können, scheint keine Rolle zu spielen. Auch die später ermittelten GPS-Daten der Handys der beiden stehen im Gegensatz zur Theorie der SOKO "Club".
Woher kommen die Verletzungen von Hanna W.?
Am nächsten Morgen wird Hanna W.s Leiche gefunden. Sie war am Ufer der Prien hängengeblieben. Die Todesursache ist in der Rechtsmedizin in München schnell geklärt: Die Medizinstudentin ist ertrunken. Doch bei der Obduktion werden die Mediziner stutzig: Am Kopf entdecken sie mehrere gleiche Wunden. Außerdem sind beide Schulterdächer der Studentin gebrochen. Aufgrund der Verletzungen gehen sie von einem Verbrechen aus.
Klaus Püschel, Rechtsmediziner und Gutachter der Verteidigung, kommt allerdings zu einem anderen Ergebnis: Er geht davon aus, dass Hanna W.s Verletzungen entstanden sind, als sie insgesamt zwölf Kilometer durch den Bärbach und die Prien trieb. Im zweiten Prozess unterstützen weitere Gutachten diese Theorie.