Wenn das Leben mit einem Verbrechen beginnt
Autor: Friederike Hilz
, Freitag, 22. Mai 2026
Winfried und Ulrike sind keine Kinder sich liebender Eltern - im Gegenteil. Sie sind die Kinder von Frauen, die vergewaltigt wurden. In einer neuen "37°"-Reportage erzählen sie ihre Geschichte und berichten, wie sie es geschafft haben, trotz aller Widrigkeiten ins Leben zu finden.
Winfried Behlaus Haare sind schon fast weiß, Falten zeichnen sein Gesicht hinter der Brille - man sieht ihm seine 80 Jahre eben an. Dass er einmal so alt werden würde, das hätte er jedoch lange selbst nicht gedacht. Noch bevor er 1946 das Licht der Welt erblickte, war sein Leben von einem Trauma geprägt, denn sein unbekannter Vater ist der Vergewaltiger seiner Mutter. Ulrike M. Dierkes hat ein ähnliches Schicksal: Ihr Vater ist zugleich ihr Opa, ihre Schwester ihre Mutter. In der bewegenden "37°"-Reportage "Kein Kind der Liebe" von Antje Diller-Wolf erzählen die beiden im ZDF ihre Geschichten. Neben der linearen Ausstrahlung ist der Film auch in der Mediathek des ZDF zu sehen.
Seine Lehrer machten sich damals über ihn lustig und nannten ihn "Bastard", erinnert sich Winfried. Er wusste lange nicht, wer sein Vater war. Bis seine Mutter Martha ihm es eines Tages - er war gerade 13 Jahre alt geworden - erzählte: "Weißt du wie die kleinen Kinder entstehen? Damals kamen Russen, die haben mich vergewaltigt." Doch obwohl Winfried es immer wieder versuchte, verliert seine Mutter nie wieder ein Wort über die Gräueltat. "Ich bin ein Kriegsschadensfall", weiß der Sohn von da an.
Für Winfried sind die Ungewissheit, das Leid und der Schmerz psychisch kaum auszuhalten. Er berichtet von jahrelanger Depression, davon, dass er nicht mehr leben wollte. Seine Herkunft verschweigt er über Jahrzehnte - sogar vor seiner Ehefrau und seinen Kindern. Doch irgendwann kam eine Journalistin auf ihn zu, erinnert sich Winfried, und ermutigte ihn, endlich seine Geschichte zu erzählen. Mit seinem Verein Distelblüten Russenkinder hilft er heute denjenigen, die sein schreckliches Schicksal teilen.
"Meine Schwester ist meine Mutter"
Auch Ulrike will über ihre Herkunft nicht schweigen. "Meine Schwester ist meine Mutter", sagt die heute 69-Jährige offen in der ZDF-Reportage. Sie erzählt: Ihr Vater missbrauchte seine eigene Tochter, da war sie selbst noch ein Kind - mit 13 Jahren wurde sie schließlich schwanger. Zwar kommt der Vater direkt nach Ulrikes Geburt in Haft, doch nach seiner Entlassung geht das Grauen von Neuem los. Irgendwann ist er weg - wieder im Gefängnis.
Kinder wie Winfried und Ulrike stehen häufig alleine und mit unzähligen Fragen da. Die "37°"-Reportage macht auf ihren ewigen Kampf um Anerkennung und auf ihr Ringen nach einer Identität aufmerksam. Hilfe, das zeigt Antje Diller-Wolf in dem halbstündigen Film deutlich, gibt es für die Betroffenen nur wenig. 1996 gründete Ulrike den Verein M.E.L.I.N.A. Inzestkinder/Menschen aus VerGEWALTigung e. V., um das zu ändern. Bis heute ist es jedoch der einzige Selbsthilfeverein für Kinder aus Inzestvergewaltigungen. Für ihre Arbeit wurde Ulrike 2008 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
37°: Kein Kind der Liebe - Di. 09.06. - ZDF: 22.15 Uhr
Quelle: teleschau – der mediendienst