Wegen AfD-Erfolgen: Marcel Reif spricht über möglichen Abschied aus Deutschland
Autor: Jens Szameit
, Mittwoch, 20. Mai 2026
Marcel Reif umtreibt die politische Entwicklung in Deutschland. Im Podcast "Zwischen den Zeilen" von und mit Bettina Böttinger gab der Sohn eines polnischen Juden zu, er sei froh, seinen Schweizer Pass zu haben.
Viele Jahre lebte Marcel Reif in der Schweiz, eher er 2013 die Schweizer Staatsbürgerschaft erhielt und die deutsche im Gegenzug aufgab. Heute hat der Sportjournalist und frühere Fußball-Kommentator seinen Hauptwohnsitz in München. Diese Wahl überdenke er jedoch inzwischen aufgrund der politischen Entwicklung im Land, offenbarte Reif im Podcast "Zwischen den Zeilen".
Im Gespräch mit Moderatorin Bettina Böttinger gab der 76-Jährige zu, sich schon bei dem Gedanken ertappt zu haben: "Och, mit dem Schweizer Pass kann ich jederzeit wieder zurückgehen." Selbstkritisch fügte er an: "Ist das nicht sehr, sehr resignativ?"
Der Äußerung vorausgegangen war im Podcast eine Diskussion unter anderem über die Wahlerfolge der AfD. "Vielleicht geht's uns auch zu gut. Vielleicht ging's uns allen zu lange zu gut. Daraus haben wir eine Gleichgültigkeit gegenüber falschen Tendenzen und Strömungen entwickelt (...) und lassen es so laufen", sagte Reif. Die aktuellen Entwicklungen verglich er mit dem, was er über die Weimarer Republik wisse. Extremistische Positionen zu belächeln, sei fatal. Die AfD meine es ernst, deren Haltung sei: "Euch wird das Lächeln schon noch vergehen."
"40 Prozent der Deutschen sind ja keine Nazis. Aber es verfängt zunehmend irgendein Quatsch"
Marcel Reif kam 1949 als Sohn eines polnischen Juden zur Welt. Der Vater war denkbar knapp vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten gerettet worden. Dessen Lebensmotto "Sej a Mensch!" verarbeitete Reif 2024 in einer viel beachteten Bundestagsrede zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.
Über die hohen Zustimmungswerte für die AfD sagte Reif im "Zwischen den Zeilen"-Podcast: "40 Prozent der Deutschen sind ja keine Nazis. Aber es verfängt zunehmend irgendein Quatsch, den du doch als Quatsch identifizieren kannst. Aber wir kriegen es nicht hin."
Gleichwohl sehe er nicht völlig schwarz. Er gehe nach wie vor in Schulklassen, um die Kinder über den Holocaust aufzuklären. "Die hören zu und nicht weil sie müssen, und die stellen danach vernünftige Fragen", beschreibt Reif die Reaktionen. Den Schülerinnen und Schüler bläue er ein: "'Niemand kann euch verantwortlich machen für das, was damals war, aber wenn es sich wiederholt, ist jeder Einzelne von euch schuldig, das sage ich euch, und ich werde euch finden!' Und dann sitzen die da und nehmen das mannhaft und frauhaft zur Kenntnis und reden kluges Zeug. Also: Es ist noch nicht alles verloren."
Quelle: teleschau – der mediendienst