Warum bezahlen Superreiche keine Steuern?
Autor: Eric Leimann
, Donnerstag, 10. Sept. 2026
Die zweiteilige Dokumentation "Tax me (if you can!)" widmet sich der Steuer(un)gerchtigkeit. Auf einer Reise von den USA in verschiedene europäische Staaten versucht sie herauszufinden, warum manche Reiche und Superreiche kaum Steuern zahlen. Wie funktioniert das System - und wie kann man es ändern?
Es ist eine Frage von großer gesellschaftlicher Relevanz. Und sie erhitzt die Gemüter, wie kaum eine andere politische Diskussion. Weil sie direkt auf das Gerechtigkeitsempfinden des Menschen zielt - und weil. jeder etwas damit zu tun hat: Der Dokumentarfilm "Tax me (if you can!)" widmet sich der Steuer(un)gerechtigkeit. In zweimal 45 Minuten reist der französische Filmemacher Thomas Lafarge ("The World According to Amazon") von den USA in verschiedene europäische Staaten und schaut sich an, wie und warum überall Reiche und Supperreiche immer weniger Steuern bezahlen. Eine "Reichensteuer" wird immer wieder von politischen Parteien ins Spiel gebracht - und doch selten in die Tat umgesetzt. Doch können unsere Gesellschaften mit der steuerlichen Umverteilung der Belastung von oben nach unten überhaupt noch "gesund" leben? Oder ist die Steuerfreiheit der Reichen Zündstoff, der Länder wie die USA, Frankreich, Großbritannien oder auch Deutschland von innen aushöhlt?
Der zweiteilige Film des Franzosen Thomas Lafarge beginnt mit einer Statistik, die atemlos macht: 2018 besaßen die 25 reichsten US-Amerikaner zusammen 1,1 Billionen Dollar - so viel wie rund 14 Millionen typische amerikanische Arbeitnehmerhaushalte. In jenem Jahr zahlten die 25 Milliardäre zusammen 1,9 Milliarden Dollar Steuern. Die 14 Millionen Arbeitnehmerhaushalte zahlten 143 Milliarden Dollar Steuern, also etwa 75-mal mehr. Das gaben Dokumente her, die der inzwischen verurteilte ehemalige IRS-Auftragnehmer Charles Littlejohn an Medien weitergab. Wie kann so etwas sein?
Kommt der Reichtum der Reichen tatsächlich allen zugute?
Spätestens seit den 80-ern gibt es die politische Doktrin, dass Steuererleichterungen für Reiche der Gesamtbevölkerung zugute kämen. Die "Trickle-down-Theorie" aus Zeiten der "Reaganomics" ist die Vorstellung, dass Vergünstigungen für Wohlhabende und Unternehmen - etwa Steuersenkungen, Deregulierung oder Investitionsanreize - letztlich der gesamten Gesellschaft zugute kämen, weil, sehr grob gesagt, der zusätzliche Wohlstand von oben nach unten "durchsickert". Unter Wirtschaftswissenschaftlern ist diese Theorie hochumstritten, denn viele Einkünfte der Reichen werden "angelegt" und nicht reinvestiert. Dennoch ist in vielen Staaten und Steuersystemen das Entlastungssystem für Reiche mittlerweile fest implementiert.
Der US-Whistleblower Charles Littlejohn gab Dokumente der amerikanischen Steuerbehörde IRS an die Öffentlichkeit weiter - und wurde dafür zu fünf Jahren Haft verurteilt. Die Dokumente beweisen, was nicht herauskommen sollte: Die Superreichen zahlen in der Tat kaum Steuern. Der Aufschrei in der amerikanischen Gesellschaft war gewaltig, doch die damals zuständige Biden-Regierung unternahm nichts in Richtung Systemänderung. Unter Trump gab es dann weitere Erleichterungen für Reiche und Superreiche. Trumps und Musks Doge-Behörde kündigte einen massiven Stellenanbau bei der Steuerbehörde an. Besonders betroffen war die Abteilung zur Besteuerung großer Vermögen. Ein Drittel der Mitarbeiter soll dort entlassen werden, darunter viele hochqualifizierte Wirtschaftsprüfer für hohe Vermögen.
Doch sind die Verhältnisse in Europa besser? - Der Film wechselt seinen Schauplatz und blickt nach Frankreich. Hier kämpft der Wirtschaftswissenschaftler Gabriel Zucman gegen Steuerungerechtigkeit. Der Steuersatz in Frankreich steigt bis zu einem gewissen Einkommen auf bis zu 46 Prozent an - doch dann sinkt er wieder deutlich. Die 75 reichsten Haushalte zahlen auch in Frankreich am wenigsten Steuern und Abgaben. Der Grund: Einkünfte aus Betriebsvermögen werden nicht ausgezahlt und deshalb nicht besteuert.
Spannende Lehrstunde in Ökonomie
Wer gegen das "Schutzsystem" für Reiche protestiert, wird gerne mit dem Argument abgespeist, dass wenn die Steuern zu hoch gerieten, würden diese Reichen - oft Unternehmerinnen und Unternehmer - eben ins Ausland gehen, daher könne man "das Problem" nur international lösen. Dazu wird es vermutlich nie kommen, wie auch im Beitrag deutlich wird. Studien zeigen - laut Film: Steuerflucht gibt es, aber in erheblich geringerem Ausmaß als befürchtet. Andere Studien zeigen, dass die tatsächliche Abwanderung reicher Steuerzahler kaum Auswirkungen auf Wachstum und Ökonomie einer Volkswirtschaft hat.
Auch das Steuerparadies Großbritannien, das "Non Doms", also Ausländer, keine Steuern zahlen lässt, wird kritisch unter die Lupe genommen. Außerdem blickt der Film auf Initiativen von Reichen und Superreichen, die globale Steuerungerechtigkeit freiwillig zu beenden.