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"War mir zu lang": Jogi Löw verblüfft im ZDF mit Geständnis zum Fall Mesut Özil


Autor: Gianluca Reucher

, Montag, 16. März 2026

Die ZDF-Doku "Mesut Özil - zu Gast bei Freunden" zeigt den Aufstieg und den Fall des einst gefeierten Ausnahmekönners Mesut Özil, der mit seinem Erdogan-Foto für einen bundesweiten Skandal sorgte. Unter anderem Jogi Löw äußert sich zu seinem ehemaligen Nationalspieler - und überrascht mit einer Aussage.


Ein Gelsenkirchener Junge, Superstar bei Werder Bremen, Real Madrid und Arsenal London, Weltmeister mit der deutschen Nationalmannschaft 2014 - und trotzdem längst eine Reizfigur. Mesut Özil, für Angela Merkel einst noch ein Symbol für gelungene Integration in Deutschland, später von AfD-Politikerin Alice Weidel als "Produkt einer gescheiterten Integration" bezeichnet. Die dreiteilige ZDF-Doku "Mesut Özil - zu Gast bei Freunden" versucht sich daran, den schwierigen Fall Mesut Özil zu beleuchten - vom gefeierten Nationalhelden bis hin zum Erdogan-Foto.

Mesut Özil wurde in Gelsenkirchen geboren, hatte aber dank seines in der Türkei aufgewachsenen Vaters die türkische Staatsbürgerschaft. Diese legte er 2007 ab, um deutscher Staatsbürger zu werden und für die DFB-Elf spielen zu können. Eine zu dieser Zeit ungewöhnliche Entscheidung, die bei den türkischen Fans für jede Menge Wut sorgen sollte. Während diese Özil teils bis aufs Übelste beleidigten, wurde das aufstrebende Mega-Talent in Deutschland zu einem "Exempel für eine erfolgreiche Integration" gemacht, wie Dietrich Schulze-Marmeling, Autor des Buches "Der Fall Özil", in der ZDF-Doku sagt.

Nach einem Sieg der deutschen Nationalmannschaft - ausgerechnet gegen die Türkei - suchte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel die Spielerkabine auf und schüttelte dem oberkörperfreien Özil die Hand. Das dabei entstandene Foto ging um die Welt - für die Deutschen als Symbol ihres weltoffenen Landes, für die Türken als Verrat. Später sollte es erneut ein Foto mit einem Staatsoberhaupt sein, das den kontrovers diskutierten Ausnahmekönner in die Schlagzeilen brachte. Diesmal mit noch deutlich extremeren Ausmaß.

"Das hat nur mit Rassismus zu tun": Özil-Berater wird im ZDF wegen Erdogan-Foto deutlich

Im Mai 2018 ließen sich Mesut Özil und Ilkay Gündogan zusammen mit dem höchst umstrittenen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ablichten - kurz vor wichtigen Wahlen in der Türkei, aber auch dem frühen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der anstehenden Weltmeisterschaft. Dietrich Schulze-Marmeling meint dazu: "Genauso wie Angela Merkel vorher mit einem Foto Mesut Özil instrumentalisiert hat, passierte es ein zweites Mal mit Erdogan." Die Folge: ein Aufschrei in der deutschen Gesellschaft, neue Integrations-Debatten, immer lauter werdender Rassismus.

Der damalige Nationaltrainer Jogi Löw erinnert sich in der ZDF-Doku an den Moment, als das Foto einen Tag vor der Kadernominierung für die WM an die Öffentlichkeit geriet: "Der Mesut war irgendwie erst mal telefonisch nicht zu erreichen." Schließlich sollte es ein klärendes Gespräch geben, doch während Gündogan "sehr bemüht" gewesen sein soll, "das falsche Bild geradezurücken", wie Oliver Bierhoff erzählt, habe Özil "das eigentlich gar nicht" gewollt.

Der Star-Spieler hielt sich weiter bedeckt, verweigerte Interviews und verärgerte so auch seine Mitspieler, "weil die natürlich auch bei Interviews gefragt werden", erklärt Oliver Bierhoff. Laut Journalist Philipp Selldorf habe das "für einen Bruch innerhalb des Teams" gesorgt. Für das anschließende Scheitern bei der WM 2018 wurde Mesut Özil von den Fans zum Sündenbock gemacht. "Was wir danach erlebt haben, hat mit dem Foto nichts zu tun. Das hat nur mit Rassismus zu tun", erinnert sich Özils Berater Erkut Söğüt an die emotionalen Ausbrüche in Teilen der Gesellschaft, die jegliche Grenzen überschritten.

"War enttäuscht": Jogi Löw spricht in ZDF-Doku offen über Özil-Statement nach Erdogan-Foto

Kurz darauf trat Mesut Özil aufgrund öffentlicher Anfeindungen und der aus seiner Sicht überzogenen Kritik am Erdogan-Foto aus der Nationalelf zurück. Sein Social-Media-Statement war eine ausführliche Abrechnung mit der deutschen Gesellschaft, aber auch dem DFB. Jogi Löw gibt in der ZDF-Doku zu, er habe Özils "ganze Presseerklärung und die Gründe nie gelesen. Weil erstens war mir das zu lang und zweitens war ich in dem Moment enttäuscht, weil ich es eigentlich nicht von ihm persönlich gehört habe".

Ex-Teamkollege Per Mertesacker bezeichnet das Ende als eines, "das er nicht verdient hat", und sah letztendlich "gar keine Gewinner" in dem Fall. Der von Jogi Löw in dem Film als "fußballerisch gesehen einer der aller-allerbesten Nationalspieler, die Deutschland je hatte", bezeichnete Özil war in Deutschland verbrannt. International brachte er für Arsenal nicht mehr die gewohnten Leistungen und wechselte 2021 schließlich in die Türkei. 2023 beendete er dort seine Profi-Karriere, lebt seitdem weiter in der Türkei.

Heute fällt der einst gefeierte WM-Held von 2014 nur noch gelegentlich in Form von Skandalen auf, wie antisemitische Social-Media-Beiträge oder einem Tattoo der "Grauen Wölfe" auf der Brust, das als Symbol der rechtsextremen Ülkücü-Bewegung bekannt ist.

Mesut Özil selbst erklärte sich laut dem ZDF trotz Anfragen nicht zu einem Interview für die Doku bereit. "Mesut Özil - zu Gast bei Freunden" ist am Dienstag, 31. März, ab 20.15 Uhr im ZDF zu sehen und kann ab Freitag, 20. März, 10 Uhr, bereits vorab in der ZDF-Mediathek geschaut werden.

Quelle: teleschau – der mediendienst