"Tatort" aus Stuttgart: Fühlen sich junge Menschen heute tatsächlich einsamer?
Autor: Eric Leimann
, Freitag, 21. November 2025
Die Leiche einer jungen Frau wird Monate nach ihrem vermutlichen Suizid zufällig bei einem Hausbrand gefunden. Warum hat sie im "Tatort: Überlebe wenigstens bis morgen" niemand vermisst? Wie oft passiert es, dass Tote so gefunden werden? Und sind junge Menschen heute einsamer als früher?
Seit die Folgen der Corona-Pandemie aufgearbeitet werden, diskutiert man über die neue Einsamkeit der Jungen. Hat eine ganze Generation in Zeiten von Lockdown, Homeoffice und Social-Media-Stubenhockerei das gemeinsame Leben verlernt? Im "Tatort: Überlebe wenigstens bis morgen" ermitteln die Stuttgarter Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) wegen des Fundes einer jungen Frauenleiche.
Warum hat niemand Nelly Schlüter vermisst? Wie oft kommt es vor, dass in Deutschland Menschen tot aufgefunden werden, auf die offenbar niemand wartete? Und ist es ein Gefühl oder wissenschaftlich bewiesen, dass sich die Jugend von heute einsamer fühlt?
Worum geht es?
Die Leiche der jungen Nelly Schlüter (Bayan Layla) wird zufällig beim Brand in einem Mietshaus entdeckt. Die Feuerwehr musste ihre Wohnungstür aufbrechen. "Atypisches Erhängen" wird als Todesursache festgestellt. Einiges weist darauf hin, dass sich Nelly vor Monaten im Sitzen mit einem Strick das Leben nahm. Oder hat jemand nachgeholfen?
Lannert und Bootz treffen auf schockierte Eltern (Robert Kuchenbuch und Idil Üner), den Ex-Freund (Malik Blumenthal) und die ehemals beste Freundin (Trixi Strobel) der Toten, die mit ihrem Mann (Louis Nitsche) ein Baby bekommen und sich stark ins Private zurückgezogen hatte. Wie kann es sein, dass keiner dieser Menschen über Monate nachgefragt hat, wie es Nelly geht?
Worum geht es wirklich?
Einsamkeit ist ein Thema, dass Drehbuchautorin Katrin Bühlig schon öfter in eindringlichen "Tatort"-Folgen thematisierte. Zuletzt im Kieler Fall "Borowski und das hungrige Herz" (2022) über Sexsüchtige oder auch im Bremer Fall "Im toten Winkel" (2018), der von einem Pflegedienst und seinen Patienten erzählte. Auf den ersten Blick ist es ein unglaubwürdiges Szenario, dass eine junge, attraktive Frau über Monate von niemandem vermisst wird.
Im Zuge der Ermittlungen klingt Nellys Geschichte dann aber doch erschreckend logisch: Wegen Homeoffice und wechselnder Freiberuflichkeit vermisste sie kein Arbeitgeber. Auch eine feste Partnerschaft hatte sie zuletzt nicht. Von den befragten Männern, mit denen sich Nelly zuletzt über eine Dating-App traf, hört man, sie sei sehr anhänglich gewesen - was die "Dating Dudes" offenbar nervte. Und die Eltern? Tatsächlich kennt man heute einige Menschen, die über Wochen und Monate nicht mit ihrem Kind oder den Eltern reden, die vielleicht in einer anderen Stadt leben. Und das geht sogar ganz ohne Streit.
Wie viele Leichen werden pro Jahr auf diese Weise gefunden?
Besonders in Großstädten und Ballungsräumen treten regelmäßig Fälle auf, bei denen Menschen längere Zeit in ihren Wohnungen lebten und irgendwann tot aufgefunden werden, ohne dass sie vermisst wurden. Diese sogenannten "stillen" Todesfälle entstehen häufig durch Einsamkeit. Betroffen sind meist Senioren und andere sozial isolierte Personen. Weil in den meisten Fällen keine kriminalpolizeilichen Ermittlungen nötig sind, werden diese Leichenfunde statistisch nicht gesondert erfasst.