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"Spiegel"-Journalist erklärt bei Anne Will, wie das "wehleidige" Merz-Zitat ins Interview kam


Autor: Jens Szameit

, Freitag, 15. Mai 2026

Im "Spiegel"-Interview äußerte Friedrich Merz unlängst einen verhängnisvollen Satz, der ihm als wehleidig ausgelegt wurde. Im Podcast von Anne Will erklärte nun einer der Interviewer, warum er den Autorisierungsprozess mit dem Kanzler als "wohltuend" empfunden habe.


"Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen" - mit dieser Überschrift sorgte Ende April ein großes "Spiegel"-Interview mit Bundeskanzler Friedrich Merz für Aufregung im politischen Berlin und darüber hinaus. Die Aussage, getroffen im Zusammenhang mit Anfeindungen auf Social Media, brachte Merz den Vorwurf der Wehleidigkeit ein.

Im Podcast "Politik mit Anne Will" erläuterte nun einer der Interviewer, wie die umstrittene Aussage ihren Weg ins gedruckte Heft und in die Online-Verbreitung fand. "Wir haben ihm die Frage nicht so gestellt, dass er den Satz hätte sagen müssen", rechtfertigte sich Christoph Hickmann, Leiter des "Spiegel"-Hauptstadtbüros. Die Kanzler-Mitarbeiter, "die das ganze Ding dreimal gegengelesen haben, haben ihn auch drin gelassen. Insofern würde ich sagen: not our fault."

"Kam er Ihnen so wehleidig vor oder hat Sie das überzeugt, was er sagt?", wollte Anne Will von ihrem Podcast-Gast wissen. Überzeugt habe ihn die Aussage inhaltlich nicht, aber sie spiegele eben Merz' Weltsicht wider, kam die Antwort. Insofern könne Hickmann ihr auch Positives abgewinnen. Denn der Kanzler habe an der Stelle nicht taktisch geantwortet. "Friedrich Merz war in dem Augenblick dieser Antwort, so habe ich's wahrgenommen (...), komplett echt", sagte der Journalist, der zugab: "Was dieser Satz auslösen würde, habe ich nicht überrissen."

"Dieses Interview ist wirklich nur kosmetisch angefasst worden"

Grundsätzlich sei es bei verschriftlichten Politiker-Interviews so, dass der Interviewte im Prozess der Autorisierung den Text nachträglich verändern dürfe. Da gäbe es "ganz schlimme Typen", die im Nachgang "noch mal das ganze Parteiprogramm reinschreiben". Das Merz-Interview sei demgegenüber "eine andere Erfahrung" gewesen: "Dieses Interview ist wirklich nur kosmetisch angefasst worden, so viel kann ich glaube ich sagen. Das fand ich mal wohltuend."

"Das spricht total für Herrn Merz und sein Team", fand auch Moderatorin Will. Kritik an Regierungssprecher Stefan Kornelius, der den Satz nicht gestrichen hatte, teilten beide Podcast-Gesprächspartner demnach nur bedingt. "Da sprach unverstellt der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland so, wie er ist, auch wenn ihm das in dem Fall nicht unbedingt genützt hat", sagte Hickmann. "Ich glaube, wir haben ihn dadurch aber als Mensch ein bisschen besser kennengelernt."

Anne Wills Wahrnehmung, dass derzeit bei politischem Spitzenpersonal besonders genau auf jedes Wort geschaut werde, teilte ihr Gast vom "Spiegel". "Wir hätten jede Überschrift nehmen können, und irgendwo wäre die herausgegriffen und zerfetzt worden", glaubt Hickmann. "Es gibt da draußen eine Community, die hat eine so harte Abneigung gegen Merz, denen kommt alles recht." Der Journalist weiter: "Der Kredit ist bei vielen Leuten weit unter null, wenn es um Friedrich Merz geht."

"Spiegel"-Journalist wundert sich über Merz: "Was hat er denn gedacht?"

Hart kritisiert wurde der Bundeskanzler auch im "Politik mit Anne Will"-Podcast - unter anderem im Hinblick auf sein Erwartungsmanagement. Ein großer Teil der Probleme, mit der die Union in der Bundesregierung gerade kämpfe, sei auf Merz' Rhetorik vor Übernahme der Regierung und zu ihrem Beginn zurückzuführen, glaubt Hickmann.

Bereits als Merz sich für den Parteivorsitz bewarb, sei - wenn auch nicht wörtlich - das Versprechen gefallen, die Trümmer der Ära Merkel wegzuräumen und "CDU pur" durchzusetzen. Dabei habe er außer Acht gelassen, dass sich "CDU pur" in einer derart zersplitterten Parteienlandschaft gar nicht mehr durchsetzen lasse. "Was hat er denn gedacht?", wunderte sich der Hauptstadt-Journalist.

Speziell im Osten habe Friedrich Merz auf diese Weise seine große "Fan-Base" enttäuscht. Sollten die beiden Landtagswahlen 2026 in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ein "Beben" in Richtung der AfD auslösen, erwartet Hickmann verstärkte "Fliehkräfte" innerhalb der Union. Bereits jetzt nehme er wahr, dass die Vorstellung einer von der AfD tolerierten Minderheitsregierung "ganz, ganz langsam, aber sukzessive seinen Schrecken zu verlieren scheint".

Quelle: teleschau – der mediendienst