Sigmar Gabriel spricht sich für Gespräche mit Russland aus: "Müssen versuchen, den Fuß in die Tür zu bekommen"
Autor: Doris Neubauer
, Mittwoch, 27. Mai 2026
Während Kiew eine weitere schwierige Nacht bevorsteht, geht es im Studio bei Markus Lanz um die nukleare Bedrohung durch Russland. Ex-Vizekanzler Sigmar Gabriel drängt auf Verhandlungen: "Die Europäer müssen versuchen, den Fuß in die Tür zu bekommen."
Rund 600 Langstreckendrohnen und 90 Raketen hatte Russland in der Nacht von Sonntag auf Montag auf die ukrainische Hauptstadt Kiew abgefeuert. Auch das ARD-Studio wurde getroffen. "Zum Glück waren keine Mitarbeitende mehr da", berichtete Journalistin Susanne Petersohn live bei Markus Lanz, während sie durch die Trümmer läuft. Sie selbst hatte zwischen den Raketenwellen in der U-Bahn-Station Zuflucht gefunden.
Zum ersten, vermutlich aber nicht zum letzten Mal: "Die Bedrohungslage ist unverändert hoch (...). Es könnte eine schwierige Nacht bevorstehen", meinte sie. Petersohn ist vorbereitet: Der Rucksack für den Notfall ist griffbereit, sie schläft sogar mit ihrem Pass, um sich immer ausweisen zu können. "Alles ist fertig für den Großangriff", sagte sie und fügte hinzu: "Aber das sind wir immer." Dass in der Nacht auf Montag sogar die mobile Mittelstreckenrakete Oreschnik zum Einsatz kam, davon zeigte sich Petersohn hingegen unbeeindruckt: "Wir haben alles schon erlebt, was will Russland uns noch antun?", wertete sie es als Signal an den Westen.
Politologe Peter Neumann sah das ähnlich: "Die Oreschnik-Rakete ist mehr eine psychologische Waffe", wusste er. Sie werde nicht als Mittel der Kriegsführung eingesetzt, sondern impliziere die nukleare Bedrohung und könnte mit einer Reichweite von bis zu 5.000 Kilometer auch nach Berlin oder London geschickt werden. Dass sie tatsächlich als Nuklearwaffe eingesetzt werde, konnte er nicht ausschließen. Bevor Russland zu dieser maximalen Eskalation greife, gebe es aber weitere Stufen wie Drohnenanschläge oder Sabotageakte.
Als Gerede abzutun seien die Drohungen jedenfalls nicht, war auch Ex-Vizekanzler und SPD-Außenminister Sigmar Gabriel überzeugt. "Es ist ein Teil der militärischen Strategie und nicht ausgeschlossen, wenn Russland militärisch an der Wand steht", erklärte er. Da derzeit auch die wirtschaftliche Lage Russlands schlechter als vor drei Jahren sei, sollte man die Chance für Verhandlungen nutzen: "Die Europäer müssen versuchen, den Fuß in die Tür zu bekommen", betonte er. Dass Wladimir Putin tatsächlich mit Altkanzler Schröder oder einem anderen europäischen Vermittler sprechen wollte, wie der russische Präsident nach der Militärparade in Moskau Anfang Mai meinte, bezweifelte Gabriel zwar. "Aber es gibt für uns kein Risiko", sprach er sich für eine gemeinschaftliche EU-Initiative in Abstimmung mit der Ukraine aus. Er selbst sei ebenfalls bereit, erste diplomatische Gespräche zu führen: "Na klar, jeder muss das machen, wenn er die Möglichkeit hat", versicherte er Markus Lanz auf dessen Nachfrage.
Journalistin Kristina Dunz kritisiert bei Lanz Ex-SPD-Außenminister
Beim nächsten Thema, dem "Schauplatz Iran" finden ebensolche Gespräche aktuell statt. Die USA und der Iran hatten sich in den letzten 48 Stunden vor der Sendung darauf geeinigt, eine Übergabe des angereicherten Urans ans Drittland China zu erwägen. "Trump wäre das genug, den Nachbarn nicht", sprach Sigmar Gabriel von einem "Riesenschritt". Gerne hätte er noch weiter über die Friedensverhandlungen diskutiert, doch Markus Lanz hatte ein weiteres Thema auf dem Programm: die deutsche Innenpolitik.
"Ich hatte gehofft, wir kommen drum herum", entfuhr es dem früheren SPD-Außenminister, als ihn der Moderator auf die Reaktion der Bundesregierung auf den Nahost-Konflikt ansprach. Die Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz und Verteidigungsminister Boris Pistorius, es handele sich "nicht um unseren Krieg", wollte er so nicht stehen lassen: "Es ist nicht unser Krieg, aber wir haben Interessen und Partner in der Region, nämlich die arabischen Staaten", meinte er. Diesen hätte man mit Defensivwaffen helfen können: "Im Interesse des Landes und angesichts der Abhängigkeit vom Golf hätte ich mir früheres Handeln gewünscht", fügte er hinzu."
"Früheres Handeln, Herr Gabriel, wäre bis in Ihre Zeit zurückgegangen!" - griff die Politikexpertin des "Redaktionsnetzwerks Deutschland" Kristina Dunz das Stichwort auf. "Ein früheres Handeln wäre gewesen, einem Iran, der Israel auslöschen will, gegenüber viel härter aufzutreten als Sie es gemacht haben", kritisierte sie.