Druckartikel: Russland-Experte ortet bei Markus Lanz gekippte Stimmung: "Jetzt ist der Krieg nach Moskau gekommen"

Russland-Experte ortet bei Markus Lanz gekippte Stimmung: "Jetzt ist der Krieg nach Moskau gekommen"


Autor: Doris Neubauer

, Donnerstag, 28. Mai 2026

Was-wäre-wenn-Spiel bei "Markus Lanz": Linken-Chef van Aken behauptete, dass frühere, härtere Sanktionen den Ukraine-Krieg verkürzt hätten. "Illusorisch", meinte Publizist Andrey Gurkow, zog aber klare Bilanz: Die Lawine an Problemen für Russland ist nicht mehr aufzuhalten ...


In der Nacht zum 17. Mai fand der größte ukrainische Drohnenangriff auf Russland statt: Mehr als 550 Drohnen nahmen besonders die Region Moskau ins Visier und trafen neben Rüstungs- und Technologiebetrieben sowie Moskauer Ölraffinerien auch zwei Hochhäuser. "Ich hätte nie gedacht, dass der Krieg uns so treffen würde", brachte eine junge Frau aus einem Vorort der Hauptstadt die Stimmung vor Ort auf den Punkt. Ihr Video sei viral gegangen, erklärte der in Moskau geborene Publizist Andrey Gurkow bei Markus Lanz am Mittwochabend. Dieser "Schlüsselsatz" zeige das Kippen der Stimmung in der russischen Hauptstadt: "Jetzt ist der Krieg nach Moskau gekommen", meinte er.

"Daraus zu schließen, dass der Krieg bald zu Ende geht, würde ich nicht wagen", ergänzte Gurkow allerdings. Klar sei jedoch, dass das Land zunehmend unter wirtschaftlichen Problemen leide. Der Iran-Krieg und das teure Öl hätten die Effekte zwar abgebremst, gerettet sei Russland aber nicht: "Das Zusammenspiel aus den militärischen Erfolgen der Ukraine und den wirtschaftlichen Problemen hat einen Punkt erreicht, an dem sich alles lawinenartig verschlechtert", betonte er. Auch die Sanktionen aus dem Westen zeigten seit Herbst letzten Jahres Wirkung - "zusammen mit den Waffen", fügte er hinzu.

Dass schnellere Sanktionen und vor allem ein frühes Ölembargo zu Beginn des Angriffskriegs Putin gestoppt hätten, tat der Publizist hingegen als "illusorisch" ab.

Militärhistoriker Sönke Neitzel: "Wenn wir keine Waffen geliefert hätten, würde es die Ukraine nicht mehr geben"

Genau diese These hatte der Linken-Vorsitzende Jan van Aken aufgestellt: "Mit einem direkten Ölembargo (...) hätte sich die Kosten-Nutzen-Rechnung verändert", behauptete er und verteidigte damit die ablehnende Haltung seiner Partei zu Waffenlieferungen. Mit früheren, härteren Sanktionen hätte der Kreml bereits bei den Verhandlungen in Istanbul schwächere Karten gehabt, war er überzeugt: "Vielleicht hätten wir da schon eine Friedenslösung gehabt. Nach zwei Monaten des Krieges."

"Das ist Unsinn", fiel ihm Militärhistoriker Sönke Neitzel ins Wort. "Wenn wir keine Waffen geliefert hätten, würde es die Ukraine nicht mehr geben", betonte er, denn Putin hätte "auf jeden Fall sechs Monate, sieben Monate Krieg führen können". Gerade die Bundesregierung hätte alle drei Felder - Diplomatie, Sanktionen und Waffen - bedient, widersprach er van Aken. "Klar, man kann streiten, dass es hier und da zu wenig war", lenkte er ein, "aber nur auf Waffen hat die Bundesregierung bestimmt nicht gesetzt."

Auch in einer anderen Sache waren sich die beiden uneinig: "Wir sind geschützt", konnte der Linken-Politiker zwar die Angst der Bürger vor Russland verstehen, er selbst teile die Sorge eines Angriffs auf die Nato jedoch nicht. "Wir haben doppelt so viele Flugzeuge, wir haben dreimal so viel Artillerie", rechnete er vor.

Mit diesem "reinen Zahlenvergleich" konnte Neitzel wenig anfangen, blieb aber ruhig. Ungewohnt, wie Lanz meinte und eine frühere Aussage des Militärhistorikers zitierte - um "für gute Stimmung zu sorgen". Darin hatte der nämlich die Rechnung van Akens als "an Dümmlichkeit nicht zu überbieten" bezeichnet. Diesmal blieb Neitzel sachlicher und warnte, dass es um Kampfkraft und Produktionsfähigkeit gehe. Bei Drohnen sei Deutschland "nackt", brachte er ein Beispiel. Die Bundeswehr verfüge nicht über die technischen Mittel, um einen modernen Drohnenkrieg zu führen. Statt Drohnen zu produzieren, solle man in Abwehr- und Störtechnologien investieren, konterte van Aken.

"Wir sind keine Therapiestunde, das muss man aushalten"

Weniger zu sagen hatte der Linken-Vorsitzende hingegen zu einem anderen Thema: "Was hören Sie aus dem Intrigantenstadel?", sprach ihn der Moderator auf den kolportierten Putsch gegen Bundeskanzler Friedrich Merz durch dessen Parteikollegen Hendrik Wüst an. Dass van Akens Kontakte zur CDU nicht ausgeprägt seien, überraschte wohl niemanden. Die Reaktion von Friedrich Merz fand er allerdings "unprofessionell": "Das darf man als Kanzler nicht machen", kritisierte er und stellte die Lernbereitschaft des CDU-Politikers nach einem Jahr im Amt infrage.

"Friedrich Merz hat, man kann es, glaube ich, so sagen, die Nerven verloren", brachte es "Table.Briefings"-Journalistin Helene Bubrowski auf den Punkt. Der Bundeskanzler habe drastisch auf "wüste" Behauptungen reagiert und Methoden unterstellt, die "der AfD ins Blatt spielen". Mittlerweile würden Merz nicht nur gebrochene Versprechen und sein Zickzack-Kurs zum Verhängnis werden - "dazu kommt das hohe Maß an persönlicher Angegriffenheit. Das tut mir leid als Bürgerin, ich sehe, der Mann leidet", zeigte sich Bubrowksi empathisch. "Wir sind keine Therapiestunde, das muss man aushalten", hatte Lanz hingegen kein Mitleid.

Quelle: teleschau – der mediendienst