RTL zelebriert den "Schwarz, Rot, Klopp"-Kult - dann tritt einer auf die Euphoriebremse
Autor: Martina Borgschulze
, Freitag, 25. Sept. 2026
Nach Jürgen Klopps erstem Länderspiel ist Lothar Matthäus zufrieden und der Bundestrainer gutgelaunt. Nur Rudi Völler hält sich mit Lob vornehm zurück.
Ja, ist denn heut scho' Weihnachten? Das erste Länderspiel von Jürgen Klopp als Bundestrainer wurde ungefähr so sehnsüchtig erwartet wie die Ankunft des Heilands. "In Klopp we trust" war auf einem Banner am Nürnberger Flughafen zu lesen. Drunter geht's nicht: Klopp, der Retter des deutschen Fußballs, der Demokratie - ach was! - des Weltfriedens.
Ein bisschen wundert man sich also, dass die ARD zum Nations-League-Auftakt gegen die Niederlande keinen Brennpunkt sendet. Dafür beginnt RTL mit seiner Übertragung aus Amsterdam bereits 65 Minuten vor Anpfiff. Eine XXL-Sendung, passend zum XXL-Kader. TV-Experte Lothar Matthäus, der mit Laura Wontorra an der Seitenlinie steht, findet es übrigens gut, dass Jürgen Klopp 44 Spieler nominiert hat. Klar, schließlich soll ja ein Umbruch eingeleitet werden. Kurzer Blick auf die Mannschaftsaufstellung: In der Startelf steht - tataa! - genau ein Debütant. Nämlich Philipp Treu von Freiburg. Ja, ist denn scho' Karfreitag?
Klopp kanzelt Wontorra ab
Bis endlich der Bundesmessias vor die Kamera tritt, müssen die Zuschauer eine Menge KI-generierter Bilder von Kimmich, Tah und natürlich von Klopp über sich ergehen lassen. Offenbar durfte sich da ein RTL-Praktikant beim Prompten austoben. Immerhin werden so zusammengerechnet ungefähr acht Minuten Sendezeit gefüllt.
Und dann, endlich, ist er da, der "Eine von 83 Millionen". Und Laura Wontorra will vor allem eines wissen: Hat Julian Nagelsmann angerufen? Klopp lächelt die Frage weg (ein Witz über Zähne wäre an dieser Stelle zu billig): "Bully Herbig hat angerufen. Und Campino."
Beinahe hätte es sich die Moderatorin mit "König Klopp" schon kurz zuvor verscherzt. Da nämlich wünscht sie dem neuen Bondscoach Xavi im Vorbeigehen viel Glück. "Was soll das denn?!", ereifert sich der neue Bundestrainer. Er ist jedenfalls schon im Kampfmodus.
Und betont noch einmal, worum es ihm in diesem Spiel geht: "Wir müssen die Mannschaft werden, die wir einmal sein wollen." Der Loddar hängt bei so viel Verheißung selig lächelnd an seinen Lippen. Bevor der Jürgen dann aufbricht, um seine Spieler anzuzünden, für sie durchs Feuer zu gehen und aus einem "kleinen Grillfeuer" einen echten Flächenbrand zu machen, verspricht er noch: "Das Gespräch nach dem Spiel wird gehaltvoller, und ich hoffe, ich habe Spaß dabei." Matthäus spricht derweil der Mannschaft auf ganz eigene Weise Mut zu: "Verlieren ist nicht verboten. Aber nicht erlaubt."
Manches ist haarsträubend
Was die Forderung des RTL-Experten angeht, ist die nicht so ganz runderneuerte DFB-Elf voll im Soll: Rund 44 Werbeunterbrechungen später steht es 1:1. Das ist so ein bisschen, als hätte man zu Weihnachten statt der hübschen Halskette, die man sich schon seit zwei Jahren sehnlichst wünscht, eine Packung Staubsaugerbeutel bekommen. Kann man gebrauchen, ist halt nicht hübsch.