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Mit Freddy Quinn für Deutschland: So lief der erste ESC vor 70 Jahren ab


Autor: Stefan Weber

, Mittwoch, 13. Mai 2026

Vor 70 Jahren begann in einem kleinen Theater in Lugano die Geschichte des Eurovision Song Contest. Damals war der Wettbewerb, der heute zu den größten Unterhaltungsevents weltweit gehört, vor allem eines: ein kühnes TV-Experiment.


Heute ist der Eurovision Song Contest ein globales TV-Spektakel - mit Millionenpublikum, Fanlagern und politisch aufgeladenen Punktevergaben. Als vor 70 Jahren erstmals der "Grand Prix d'Eurovision de la Chanson" über die Bühne ging, war davon allerdings noch nichts zu ahnen: Am 24. Mai 1956 startete in Lugano ein Experiment, das eigentlich vor allem eines sein sollte: gutes Fernsehen. Die European Broadcasting Union (EBU) wollte mit einem neuen Musikwettbewerb beweisen, wie grenzüberschreitendes Live-TV funktionieren konnte - und schuf dabei ganz nebenbei eines der langlebigsten Unterhaltungsformate Europas.

Die Idee für den Wettbewerb war am 19. Oktober 1955 bei einer Generalversammlung der Europäischen Rundfunkunion gefallen. Europa befand sich noch im Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, die öffentlich-rechtlichen Sender suchten nach einem Projekt, das technisch anspruchsvoll war - und zugleich ein Zeichen europäischer Zusammenarbeit setzen konnte. Vorbild war das italienische San-Remo-Festival, das bereits große Erfolge feierte. Doch der neue "Grand Prix d'Eurovision" sollte mehr sein als ein Musikwettbewerb: Er war von Beginn an als Fernsehereignis gedacht - als Leistungsschau eines Mediums, das damals noch jung war und seine Möglichkeiten erst entdeckte.

Dass die Wahl auf die Schweiz als ersten Gastgeber fiel, hatte praktische Gründe. Das neutrale Land verfügte über eine moderne und funktionierende TV-Infrastruktur - ideale Voraussetzungen für ein Format, das vor allem eines beweisen sollte: dass europaweite Live-Übertragungen funktionieren konnten. Der erste ESC war damit weniger Pop-Spektakel als technisches Pionierprojekt. Dass daraus einmal das größte Unterhaltungsevent des Kontinents werden würde, konnte damals noch niemand ahnen.

Sieben Länder mit je zwei Beiträgen traten an

Der erste ESC fand im Teatro Kursaal in Lugano statt, im italienischsprachigen Schweizer Kanton Tessin. Heute erinnert dort kaum noch etwas an das historische Ereignis: Das Gebäude wurde 2001 abgerissen, an seiner Stelle steht nun das Casinò Lugano. Durch den Abend führte der Schweizer Moderator Lohengrin Filipello - bis heute der einzige männliche Solomoderator in der Geschichte des Wettbewerbs.

Was damals noch fehlte: Glamour, Pyrotechnik und große Bühnenshows. Stattdessen herrschten strenge Regeln. Die Songs durften maximal dreieinhalb Minuten dauern, nur Solokünstler waren erlaubt, getanzt wurde nicht. Im Mittelpunkt stand allein die Musik - begleitet von einem 24-köpfigen Live-Orchester.

Sieben Nationen waren bei der Premiere dabei: Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg, die Niederlande, die Schweiz und die Bundesrepublik Deutschland. Andere heutige ESC-Stammgäste wie Großbritannien, Dänemark und Österreich hatten schlicht die Anmeldefrist verpasst. Jedes Land durfte zwei Beiträge ins Rennen schicken - insgesamt waren es also 14 Songs.

Für Deutschland traten Freddy Quinn mit "So geht das jede Nacht" und Walter Andreas Schwarz mit "Im Wartesaal zum großen Glück" an. Gastgeber Schweiz mit Lys Assia und Luxemburg mit Michèle Arnaud setzten dagegen jeweils auf eine Sängerin mit zwei Liedern.

Ging beim "Heimsieg" von Lys Assia alles mit rchten Dingen zu?

Zur ersten Siegerin wurde die Schweizer Chansonsängerin Lys Assia gekürt. Ihr melancholisches Lied "Refrain" machte sie zur ersten Grand-Prix-Gewinnerin überhaupt - und zum frühen Gesicht des Wettbewerbs. Wie deutlich ihr Sieg tatsächlich ausgefallen war, blieb allerdings jahrzehntelang ein Rätsel. Denn anders als heute wurde 1956 nur der Sieger bekannt gegeben. Alle übrigen Platzierungen? Geheim. Die Stimmzettel wurden nach der Auszählung vernichtet.

Erst ein später entdeckter Zeitungsbericht aus der italienischen "La Stampa" lieferte Hinweise: Demnach soll Lys Assia 102 Punkte erhalten haben - bei theoretisch erreichbaren 140 Punkten. Denn damals vergaben die Jurys noch eine Höchstwertung von 10 Punkten, die berühmten "Douze Points" wurden erst 1975 eingeführt. Dass Assia die anderen Teilnehmer komplett ausstach, legt auch der Zeitungsbericht nahe: Der Reporter schrieb von einem "nicht enden wollenden Applaus" für Assia.

Das Voting war ohnehin ein Kuriosum. Jedes Land entsandte zwei Juroren, die ihre Stimmen geheim vergaben - und sogar für das eigene Land stimmen durften. Besonders pikant: Luxemburg verzichtete aus Kostengründen auf eine eigene Jury und bat ausgerechnet die Schweiz, stellvertretend zu werten. Bis heute wird deshalb spekuliert, ob dieser Umstand den Heimsieg beeinflusst haben könnte. Beweisen ließ sich das nie - die Unterlagen existieren nicht mehr.

Heute existieren keine TV-Bilder mehr

Vom ersten ESC gibt es ohnehin kaum noch "Beweismittel": Es existieren heute keine originalen Fernsehaufnahmen mehr - damals galt die Aufzeichnung von TV-Sendungen noch als kostspielig und technisch aufwendig, weshalb das Material nicht archiviert wurde. Erhalten geblieben ist lediglich die originale Tonspur: Der Wettbewerb wurde 1956 auch im Radio übertragen und mitgeschnitten.

Die bewegten Bilder von Lys Assia, die heute online kursieren, stammen vermutlich nicht aus dem offiziellen TV-Mitschnitt, sondern wurden wohl von einem Zuschauer im Saal aufgenommen. Wie der allererste Eurovision Song Contest tatsächlich auf den Fernsehschirmen wirkte, lässt sich deshalb nur noch erahnen - das genaue Bild dieses historischen Abends bleibt verloren.

Quelle: teleschau – der mediendienst