Junger Mann ohne Reue
Autor: Eric Leimann
, Mittwoch, 25. März 2026
Erst einen Milliardenbetrug initiieren - und dann zum Star eines Dokumentarfilms werden: "Holt - Der Windkraft-Schwindler" gibt dem Betrüger selbst - als Freigänger aus der Haft - Raum, um seine Geschichte zu erzählen. Immerhin ordnen auch Ermittler, Freunde und Familie den dreisten Fall ein.
Schon in ihrer Doku-Serie "Lubi - Ein Polizist stürzt ab" (ARD-Mediathek) gaben die Filmemacher Jan Peter und Sandra Naumann ihrem Protagonisten viel Raum, die eigene Perspektive zu erzählen. Im Falle des gestrauchelten Polizisten, der in die Kriminalität abdriftete, trat jedoch ein Mann vor die Kamera, der nach Läuterung strebte. Einen anderen Fall erlebt man nun im 90-minütigen Dokumentarfilm "Holt - Der Windkraft-Schwindler", der bereits ab 27. März in der ARD-Mediathek zu sehen ist. Auch darin erzählt der verurteilte Milliardenbetrüger Hendrik Richard Holt seinen Fall vor der Kamera. Als Freigänger und schon wieder unterwegs im Maßanzug, mit Einstecktuch sowie weiteren Insignien des Reichtums. Immerhin: Auch Ermittler, Freunde und Familie ordnen den dreisten Fall ein. Und der verlief so: Mit seiner als Familienunternehmen inszenierten Holt Holding verkaufte der Aufsteiger mit noch nicht mal 30 Jahren Energiekonzernen europaweit das Versprechen, in Deutschland große Windkraftprojekte zu realisieren. Selbst dort, wo Widerstand von Bevölkerung und Kommunen herrschte.
"Frühphaseninvestition" heißt das Geschäftsmodell, in das Konzerne gern Geld geben. Das Problem war nur: Die Rechte, Windkraftanlagen auf den entsprechenden Grundstücken zu realisieren, hatten Holt und seine Familie gar nicht. Die entsprechenden Nachweise waren Fälschungen. Während der äußerst selbst- und stilbewusste Hendrik Holt das Zigarre rauchende Aushängeschild mit Chauffeur und Bentley-Sammlung gab, fälschten Mutter, Bruder und Schwester daheim brav die Dokumente. Der jüngere Bruder war als "IT-Experte" digital unterwegs, der Rest der Familie arbeitete eher analog. Der Begriff Clan-Kriminalität, so die im Film auftretenden Ermittler aus dem Emsland und Osnabrück, bekommt mit der Familie Holt noch mal eine ganz neue Bedeutung. Man befindet sich auf einem protzigen Landsitz im niedersächsischen Haselünne - und nicht etwa in Berlin-Neukölln.
Betrugsfall "Project Munich" im Werte von 1,8 Milliarden Euro
Dass der Fall Holt so interessant wirkt, dass man ihm über 90 spannende Minunten gebannt zuschaut, hat verschiedene Gründe: Zum einen wäre da der Betrug selbst. Holt verfolgte eine sehr simple Idee, die nur deshalb funktioniert, weil er die Illusion des Reichtums und einer erfolgreichen Unternehmerfamilie "aus der Region" eloquent zu verkaufen verstand. Der Hendrik Holt stark prägende Großvater, verstorben als der Enkel zwölf Jahre war, wird im Film als Patriarch alter Schule und erfolgreicher Unternehmer gezeichnet. Offenbar ging Opas Firma jedoch 2003, ein Jahr nach dessen Ableben, in die Insolvenz. Wer also tiefenpsychologisch argumentieren will, mag annehmen, dass der Enkel das Lebenswerk des geliebten Großvater durch den Betrug rehabilitieren wollte.
Über den jungen Hendrik sagt das einzige Familienmitglied, das in der Doku spricht - seine Oma - dass er "ein unruhiges, intelligentes Kind" gewesen sei, "das seine Grenzen nicht kannte". Ein kleiner Prinz, dem man diese Grenzen offenbar nie setzte - die er aber wohl gebraucht hätte. Neben zahlreichen Ermittlern, Investigativ-Journalisten und seinem ehemaligen Fahrer, ist die vielleicht verwirrendste Stimme der Doku - neben Holt selbst - dessen junge Ehefrau: Jana Holt, die ihren Mann zwar schon vor der Haft kannte, zwischenzeitlich von ihm getrennt war, aber schließlich im Gefängnis ehelichte. Sie tritt als glühender Fan ihres Ehepartners auf.
Der hat, laut eigener Aussage, kaum etwas falsch gemacht: Geschädigt wurde ja niemand - außer große Konzerne. Dazu müssten ihm jene Menschen, die wie er keine Windräder sehen möchten, dankbar sein dafür, da er dafür gesorgt habe, dass sie erst mal nicht gebaut würden. So das Narrativ des für acht bis neun Jahre verurteilten Betrügers. Hendrik Holt, der kurz vor seiner Verhaftung 2020 in seiner Suite im Berliner Hotel Adlon kurz davor war, einen "Project Munich" genannten Megadeal über angeblich 1,8 Milliarden Euro abzuschließen, sieht sich selbst mehr als cleveren "Player" denn als Kriminellen.
Sein narzisstisches Auftreten und die Selbstverliebtheit kann im Film durchaus nerven. Dies zeigt aber auch - und das ist die andere große Erkenntnis von "Holt - Der Windkraft-Schwindler", dass überzeugend inszenierte Insignien des Reichtums oft ausreichen, um in Wirtschaft und Politik (auch sie war gerne Gast bei Holt) das große Rad zu drehen. Höhepunkt der Holt-Betrügereien ist sein Auftritt als Sponsor bei der Münchener Sicherheitskonferenz 2020, wo er sich mit Mächtigen aus Politik und Wirtschaft ablichten ließ.
"Einen so selbstbewussten Angeklagten haben die noch nie erlebt"
"Die Milliardäre sind die Fürsten unserer heutigen Zeit" formuliert Holt, der schon früh vom Erreichen seiner ersten Milliarde besessen war, im Film seinen vielleicht wichtigsten Glaubenssatz. Schließlich wird Holt verurteilt, doch selbst den Prozess genießt er. "Ich habe mich jeden Tag auf die Fotografen gefreut", sagt er in der Doku. Und fügt triumphierend hinzu: "Das hat die massiv verunsichert. Einen so selbstbewussten Angeklagten haben die noch nie erlebt. Aber so bin ich." Einer der Ermittler ordnet das selbstgefällige Austreten des Betrügers immerhin ein: "Hendrik Holt hätte es gerne, dass er der Superverbrecher ist. Also wenn er was macht, dann muss es natürlich groß und toll sein. Der Betrug war kühn, dass er ihn in dieser Größe angegangen ist, die Ausführung aber war schlecht."