Junge Briten fühlen sich um Zukunft betrogen: "Der Exit vom Brexit ist aus der Tabuzone"
Autor: Elisa Eberle
, Mittwoch, 17. Juni 2026
Zehn Jahre nach dem EU-Austritt von Großbritannien leiden vor allem junge Menschen unter den Folgen. Das zeigt die Weltspiegel Doku: Die Brexit-Erben: Uns reicht's!" von Mareike Aden und Anna Leier im Ersten.
Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum ist die Stimmung im Vereinigten Königreich an einem neuen Tiefpunkt angekommen: Während der derzeitige britische Premierminister Keir Starmer nach den katastrophalen Ergebnissen für seine Labour-Partei bei den Lokalwahlen um seinen Posten bangt, treibt die Mehrheit der Bevölkerung viel existenziellere Sorgen um.
Welche das sind und wie es politisch weitergehen könnte, zeigt die neue "Weltspiegel Doku: Die Brexit-Erben: Uns reicht's!" von Mareike Aden und Anna Leier im Ersten.
"Das größte Problem ist die soziale Ungleichheit"
Der rund 45-minütige Beitrag begleitet vier junge Erwachsene, die 2016 noch zu jung waren, um beim Brexit-Referendum abstimmen zu dürfen, nun aber alt genug sind, um die deutlichen Einschränkungen am eigenen Leib zu spüren. "Das größte Problem, das nicht nur diese Generation umtreibt, ist die soziale Ungleichheit", erklärt die London-Korrespondentin Mareike Aden im teleschau-Interview: "Wohnen ist teuer, ganz viele wohnen noch bei ihren Eltern. Sie kriegen, wenn überhaupt nur Einstiegsjobs, die nicht gut bezahlt sind. Die Lebenshaltungskosten sind seit Jahren wahnsinnig hoch."
Das spürt auch Dylan: Der 20-jährige Student lebt gemeinsam mit seinen Eltern in einer Sozialwohnung im Londoner Stadtteil Hackney. Eine eigene Bleibe kann er sich wie viele in seinem Alter nicht leisten. Bei den Lokalwahlen im Mai trat Dylan deshalb als Kandidat für die Green Party an. Die einstige Umweltpartei setzt sich inzwischen vermehrt für soziale Gerechtigkeit, bezahlbaren Wohnraum und für eine Reichensteuer ein.
Nigel Farage klagt über Bürokratie, die der Brexit mitverursacht hat
Auch Samuel aus Stourbridge bei Birmingham wohnt noch bei seinen Eltern, auch er ist politisch aktiv. Der 21-Jährige ist Mitglied der rechtspopulistischen Partei Reform UK von Nigel Farage. Der heute 62-jährige Farage war einst der Treiber des Brexits. Heute schimpft er über dessen schlechte Umsetzung.
Als Mareike Aden ihn bei einem öffentlichen Auftritt im südenglischen Worthing mit Umfrageergebnissen konfrontiert, nach denen rund 80 Prozent der jungen Britinnen und Briten sich eine Rückkehr in die EU wünschen, reagiert Farage abwehrend: "Den Umfragen würde ich nicht glauben. Warum will man in diesen gescheiterten Club zurück? Wir stehen zweifellos stärker da in der Welt." Die größten Probleme sind in seinen Augen fehlende Grenzkontrollen und zu viel Bürokratie.
Dass das Problem mit der Bürokratie in vielen Fällen erst durch den Brexit entstanden ist, zeigt das Beispiel der 27-jährigen Alisha: Die "Weltspiegel Doku" begleitet die Gitarristin aus Manchester mit ihrer Punkband Witch Fever auf ihrer ersten Europa-Tournee. Seit dem Brexit brauchen britische Musikerinnen und Musiker dafür ein Arbeitsvisum. Auf ihre Merchandise-Artikel werden Zölle fällig. Das Equipment muss vorher angemeldet werden. "Das war für mich eine wahnsinnige Überraschung, dass diese Musikindustrie, die so eine Strahlkraft hat und die für Großbritannien ja auch wichtige Soft Power ist, so unter dem Brexit leidet", wundert sich Aden im Interview.