Druckartikel: Journalist nimmt bei Lanz Hoffnung auf Reform-Wunder: "Müssen uns von diesem Traum verabschieden"

Journalist nimmt bei Lanz Hoffnung auf Reform-Wunder: "Müssen uns von diesem Traum verabschieden"


Autor: Natascha Wittmann

, Donnerstag, 02. Juli 2026

Bei "Markus Lanz" (ZDF) geriet die Reformagenda der schwarz-roten Koalition unter Druck. Journalistin Julia Löhr warf der Regierung unter anderem vor, zu viel Zeit mit Nebenschauplätzen zu verlieren. Ihre Forderung? Eine klare Richtung für die großen Baustellen.


Nach stundenlangen Beratungen im Kanzleramt will die Bundesregierung am Donnerstagmorgen die nächsten Schritte für ein umfassendes Reformpaket festzurren. Im Koalitionsausschuss rangen unter anderem CSU-Chef Markus Söder sowie die SPD-Vorsitzenden Lars Klingbeil und Bärbel Bas um Vereinbarungen zu Steuern, Arbeit und Pflege. Markus Lanz wollte deshalb am Mittwochabend wissen: "Wie geht es jetzt weiter?"

Journalist Veit Medick machte deutlich, dass für ihn ein Kernproblem weniger in einzelnen Maßnahmen als in der Wirkung nach außen liege. "Es ist schon auch ein Versäumnis dieser Koalition, dass dieser Begriff so wahnsinnig negativ assoziiert wird", so Medick. Der Begriff "Reform" klinge für viele nach Zumutung - auch, weil eine positive Begründung fehle. Veit Medick brachte es so auf den Punkt: "Was absolut fehlt, ist so eine Positiv-Erzählung (...) über die Frage, warum machen wir eigentlich diese Reformen? Wir machen die doch nicht, um alle Menschen zu quälen!"

Markus Lanz griff das auf und wollte es konkreter wissen: "Was ist der Plan?" Journalistin Julia Löhr antwortete zunächst allgemein: "Der Plan ist, dass Deutschland wieder daran anknüpft, was es mal war." Anna Lehmann warnte jedoch davor, sich an alte Erfolgsrezepte zu klammern. "Wir können nicht mehr darauf setzen, dass wir China mit Verbrennungsmotoren (...) glücklich machen. Wir müssen sozusagen gucken, dass wir die Produktivität verbessern."

Die Forderung der Journalistin: "Wir brauchen einfach auch ein Update unseres Industriestandorts. Es genügt nicht, zu sagen, ihr müsst einfach nur länger arbeiten." Veit Medick dämpfte zugleich Erwartungen an den großen Befreiungsschlag. Man müsse Abschied nehmen von der Hoffnung, "dass so ein Big Bang jetzt kommt, mit dem wir auf einen Schlag unsere Wachstumsprobleme lösen".

Julia Löhr: "Es wäre ja schon gut, trotzdem ambitionierte Pläne zu haben"

Der "Stern"-Politikchef ergänzte, dass Deutschland zwar unter Druck stehe, aber nicht alles politisch sofort auflösbar sei: "Wir haben internationale Gefahren, die auch nicht durch einen Koalitionsausschuss mal eben verschwinden." Er erklärte: "Wir müssen uns einfach von diesem Traum verabschieden, dass da jetzt so ein Knoten durchschlagen wird und morgen ist alles anders."

Julia Löhr konterte prompt: "Aber es wäre ja schon gut, trotzdem ambitionierte Pläne zu haben." Sie sparte dabei nicht mit Kritik an der bisherigen Performance der Koalition: "Es ist ganz viel Zeit mit ganz viel Kleinkram verschwendet worden, der uns nicht weiterbringt."

Für Lanz war das der Moment, den Blick nach vorn zu richten: Was kommt wirklich, und was bleibt Ankündigung? Veit Medick sah zumindest einen Ansatzpunkt: "Die Rentenkommission hat schon eine echte Reform vorgelegt". Gleichzeitig bemängelte er, dass insgesamt "zu wenig" darüber geredet werde, "was jetzt eigentlich genau getan wird".

Lanz nahm diese Unklarheit zum Anlass für eine grundsätzliche Frage an die Runde: "Hat sich da einfach auch ein Verhältnis zwischen Bürger und Staat auf eine Art und Weise verändert, die nicht mehr gesund ist?" Julia Löhr stimmte zu und beschrieb eine tieferliegende Schieflage. Dies sei "im Moment das Grundproblem - diese Frage, was ist eigentlich die Aufgabe der Politik? Ist es ihre Aufgabe, das zu machen, was Volkes Wille ist?"

Veit Medick: Friedrich Merz hat "sehr viel Glaubwürdigkeit verloren"

Die Journalistin betonte zugleich, Politik müsse auch Unpopuläres entscheiden: "Natürlich müssen sie auch Dinge beschließen, (...) die notwendig sind, aber die jetzt nicht erst mal auf Begeisterung stoßen." Anna Lehmann ergänzte derweil, woran es aus ihrer Sicht hapere: "Die Menschen sind ja durchaus bereit für Reformen", erklärte sie. "Was ihnen allerdings fehlt, ist so ein Gespür: Das betrifft alle. Also so eine Art Gerechtigkeitserzählung."

Als es schließlich um die heikle Frage möglicher Belastungen ging, fragte Lanz: "Was kommt auf das Land zu?" Medick blieb skeptisch und stufte vor allem die Diskussion um die Steuerreform als "völlig überbewertet" ein. Zudem verwies er auf ein Problem an der Spitze: "Friedrich Merz hat einfach in den vergangenen 15 Jahren sehr viel Glaubwürdigkeit verloren, weil er mehrere Kehrtwenden hingelegt hat." Gleichzeitig räumte er ein, dass die Reformen für Merz und "die gesamte politische Mitte" eine Chance sein könnten, "ein bisschen wieder so ein Rückgrat zu bekommen".

Quelle: teleschau – der mediendienst