Druckartikel: Ihre Mutter glaubt, sie sei ein "Propaganda"-Opfer: Trotzdem bricht Cecilia den Kontakt nicht ab

Ihre Mutter glaubt, sie sei ein "Propaganda"-Opfer: Trotzdem bricht Cecilia den Kontakt nicht ab


Autor: Teleschau  

, Dienstag, 04. August 2026

Die Pandemie hat einen Keil durch die Gesellschaft getrieben, der auch Familien entzweit. Eine ZDF-Reportage zeigt, wie schwer der wechselseitige Vertrauensverlust das Miteinander belastet.


"Teil des Konflikts ist, dass ich ein Problem damit habe, wie meine Mutter denkt", erklärt Cecilia, Lehrerin im Quereinstieg aus Berlin. Die junge Frau sitzt in ihrer Wohnung vor der ZDF-Kamera und hat nichts Hochmütiges an sich, als sie das sagt. Aus ihr spricht die tiefe Verunsicherung, die ausbricht, wenn sich die Schneise der Debatten-Polarisierung mitten durch eine Familie frisst.

Angefangen habe alles in der Pandemie, berichtet Cecilia in der "37°"-Reportage "Zwischen uns die Wahrheit". Ihre Mutter habe ihr Videos geschickt, in denen das Coronavirus geleugnet worden sei, teils aus rechtsextremen Quellen. Daraufhin habe sie ihrer Sorge Ausdruck verliehen. "Mir wurde dann vorgeworfen, ich würde sagen, 'Ihr seid Nazis'. Darüber sind wir in viele Konflikte geraten."

Das Reportage-Team begleitet die Berlinerin zu einem Besuch bei der Mutter. Die schildert im Film von Max Damm freimütig ihre Weltsicht. Vor der "C-Zeit", wie sie die Pandemie-Jahre nennt, habe sie sich überhaupt nicht für Politik interessiert. "Ich war nur spirituell unterwegs." Plötzlich habe sie gemerkt: "Oh, Gott! Jetzt muss man mal aufpassen. Da konnten meine Kinder gar nix mehr mit mir anfangen."

"Ich bin dir richtig dankbar, dass du nicht den Kontakt abbrichst wie deine Schwester"

Dass ihre Tochter lieber wissenschaftlichen Empfehlungen vertraut hat als dem Rat der Mutter, habe sie "erschüttert", gibt sie weiter zu Protokoll: "Als ich gehört habe, dass sie sich hat impfen lassen, bin ich nachts mit Weinkrämpfen aufgewacht. Ich habe gedacht, sie stirbt mir unter den Händen weg." Sich vom Gefühl einer strategisch erzeugten Angst leiten zu lassen, unterstellt sie gleichwohl der Gegenseite: "Mit Angst kann man Menschen steuern."

Als das Küchen-Gespräch später im Garten fortgesetzt wird, streichelt die Hausherrin liebevoll die Schulter der Tochter: "Ich bin dir richtig dankbar, dass du nicht den Kontakt abbrichst wie deine Schwester." Die sei immer "mit wissenschaftlichen Belegen" gekommen. Ob denn Wahrheit für sie nur ein Gefühl sei, will der Filmemacher wissen. Die Mutter verneint: "Es ist eine Mischung aus Intellekt, Gefühl, Intuition. Ich nutze alle Sinne."

"Die Masse der Menschen" hingegen sei "sehr ängstlich und obrigkeitshörig". Dem Staat vertraue sie "null Komma null". Und ebenso wenig den Medien: "Die machen Propaganda. Wir sollen fressen, wer gut und wer böse ist, wie sie es uns serviert haben", glaubt die Frau. Der im Berufsleben stehenden Tochter gegenüber äußert sie Nachsicht. Die sei ja noch so jung: "Ich wusste in dem Alter auch noch nicht, dass Propaganda so wirkungsvoll ist." Womöglich kenne Cecilia einige "Informationen" noch nicht oder habe "Scheuklappen" auf. Schon deswegen sei es wichtig, in Kontakt zu bleiben.

Hartmut Rosa: "Diese gefühlte Verhärtung ist eigentlich eine große Illusion"

Cecilia nimmt all das gefasst und überwiegend schweigend zur Kenntnis. Dass sie mit einer gewissen Überforderung ringt, ist nicht zu übersehen. "Ich denke die ganze Zeit: Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll", bestätigt die Lehrerin auf Nachfrage des Filmemachers. Im Einzelgespräch gibt sie später zu Protokoll: "Ich kann Dinge hören, die ich total schlimm finde, und das heißt nicht, dass ich das unterstütze, auch wenn ich es vielleicht mal nicht schaffe, gleich etwas dagegen zu sagen. Das ist okay."

Mit dieser Haltung liegt Cecilia auf der Empfehlungslinie des Soziologen Hartmut Rosa. Der sagt als Experten-Zitatgeber in der ZDF-Doku: "Das Problem beginnt dort, wo die Schließung so stark ist, dass ich die Augen und die Stimme des anderen nicht mehr als solche wahrnehme, sondern nur noch als existenzielle Bedrohung und als ekelerregenden Abgrund." Dabei brauche es manchmal gar nicht viel, um eine verhärtete Situation "zu verflüssigen", wie er es nennt: "Diese gefühlte Verhärtung, dass wir uns feindlich gegenüberstehen, ist eigentlich eine große Illusion. Wir können sie überwinden."

"37°: Zwischen uns die Wahrheit" ist am Dienstag, 4. August, um 22.15 Uhr im ZDF zu sehen und schon vorab in der ZDF-Mediathek.

Quelle: teleschau – der mediendienst