"Das ist doch dramatisch": Unternehmerin beklagt in ZDF-Polittalk fehlende Chancengleichheit
Autor: Marko Schlichting
, Freitag, 14. August 2026
Muss Vermögen stärker besteuert werden - oder gefährdet das den Wirtschaftsstandort Deutschland? In der neuen Ausgabe ihres ZDF-Polittalks diskutierte Sarah Tacke mit ihren Gästen über die Erbschaftssteuer, Chancengleichheit und die Frage, ob hierzulande noch Leistung über den Erfolg entscheidet.
Müssen große Vermögen und Erbschaften stärker besteuert werden? Und zählt in Deutschland noch, was man leistet oder vielmehr nur noch das, was man erbt? Mit diesen Fragen haben sich am Donnerstagabend Sarah Tacke und ihre Gäste in der dritten Ausgabe des neuen ZDF-Polittalks beschäftigt.
Den Auftakt machte die Debatte über die Erbschaftssteuer für Unternehmen. Andrea Thoma-Böck von der "Initiative Zukunft Wirtschaft" verteidigte die bestehenden Ausnahmeregelungen. Sie ist Unternehmerin, und ihre Firma gibt es bereits seit über hundert Jahren. Natürlich möchte sie das Unternehmen an ihre Kinder weitergeben, wenn die es übernehmen wollen. Und das möglichst steuerfrei. Sie gibt zu bedenken: "Das ist ja alles schon versteuertes Geld, und vor allem auf Anlagevermögen noch Erbschaftssteuern zu zahlen, damit belastet man die nachfolgenden Generationen", meint Thoma-Böck. "Wir haben ja eh Nachfolgeprobleme in Deutschland, und seit 2018 haben wir im Prinzip eine Wirtschaftskrise oder kein Wachstum, und wenn ich es den Erben jetzt noch so schwer mache, dann sagen einfach viele, ich möchte das gar nicht übernehmen."
Finanzwissenschaftler bezeichnet Erbschaftssteuer als "Witzsteuer"
Genau deshalb sind Unternehmensvermögen unter bestimmten Voraussetzungen von der Erbschaftssteuer befreit. Der Staat hofft, dass die Erben Arbeitsplätze erhalten oder schaffen - bei Thoma-Böck wären das 120. Außerdem haben Befürworter der aktuellen Regelung Angst, dass viele Unternehmen durch die Erbschaftssteuer in die Insolvenz getrieben werden könnten. Thoma-Böck sieht das auch so. Sie betont: "Unternehmen sorgen dafür, dass es den Menschen gut geht, dass sie in Arbeit sind, dass sie ihre Familien ernähren können. Dass die zu wenig haben, und dass sie tatsächlich in Deutschland nichts bekommen, tut mir unfassbar leid. Mir tun auch die Rentner leid. Aber das liegt ja nicht daran, dass die Unternehmen jetzt so schlecht zahlen, sondern das liegt daran, dass der Staat denen so viel abnimmt", gibt sie zu bedenken.
Überhaupt, der Staat mache seine Hausaufgaben nicht, meint die Unternehmerin, die auch CSU-Mitglied ist. Sie fragt: "Warum kriegt es der Staat nicht hin, dass wir wirklich Bildung ermöglichen und für alle die gleichen Chancen. Und warum kann nicht jedes Grundschulkind lesen? Das ist doch dramatisch, denn dann ist der Aufstieg schon verweigert."
Finanzwissenschaftler und Ökonom Bernd Raffelhüschen ist überhaupt gegen die Erbschaftssteuer. Ähnlich wie Österreich möchte er sie am liebsten ganz abschaffen und dafür die Einkommenssteuer um anderthalb oder zwei Prozent erhöhen. Die Steuer sei zu bürokratisch, eine "Witzsteuer", sagt er. "Es ist eine Bagatellsteuer, die in etwa ein Prozent des Steueraufkommens ausmacht. Mehr ist es ja nicht. Und um diese zu ersetzen, brauche ich nicht viel bei der Einkommenssteuer als Zuschlag. Und wenn ich den Zuschlag dort mache, wo die ganz hohen Einkommen sind, dann habe ich den Erben im Grunde genommen ganz einfach besteuert."
Unternehmerin wird deutlich: "Ich möchte es nicht wegen einer Quote schaffen"
Kevin Kühnert, ehemals SPD-Generalsekretär, heute Bereichsleiter Steuern bei Finanzwende e.V., erklärt: "Uns geht es um die vergleichende Gerechtigkeit." Kurz gesagt: Reiche Unternehmer zahlen in der Regel keine Erbschaftssteuer, weniger reiche schon. Kühnert formuliert seine Argumentation allerdings so kompliziert, dass ihn selbst Thoma-Böck missversteht und kritisiert.
Und dann ist da noch Natalya Nepomnyashcha, die Gründerin des "Netzwerk Chancen". Nepomnyashcha stammt aus der Ukraine, konnte kein Abitur machen, hat es aber trotzdem zum Masterstudium nach Großbritannien geschafft und ist heute als Unternehmensberaterin tätig. Mit ihrem Netzwerk hilft sie Erwachsenen, die wegen ihrer Herkunft Aufstiegsschwierigkeiten haben, sich weiterzubilden und einen passenden Job zu finden.