Grandioses Gedankenexperiment - und auch was zum Lachen
Autor: Eric Leimann
, Mittwoch, 19. August 2026
Dieser deutsche Film sorgte auf Festivals weltweit für Furore. "Was Marielle weiß" erzählt die Geschichte einer Zwölfjährigen und ihrer Eltern, gespielt von Julia Jentsch und Felix Kramer. Als das Kind telepathische Fähigkeiten entwickelt, rutscht die Familie in die Krise. Brauchen wir Geheimnisse?
Normalerweise "kontrollieren" Eltern ihre Kinder. Zumindest bis zu einem gewissen Alter. Wie praktisch, dass kleinere Kinder ihre Eltern normalerweise wie Götter verehren - und nicht kritisch hinterfragen. Der Drehbuchautor und Regisseur Frédéric Hambalek wagt in seinem auch international gefeierten Film "Was Marielle weiß" ein faszinierendes Gedankenexperiment: Wie wäre es, wenn ein Kind durch übersinnliche Fähigkeiten plötzlich die Eltern in der Hand hätte?
Die zwölfjährige Marielle (Laeni Geiseler) lebt mit ihrer Mutter Julia (Julia Jentsch) und Vater Tobias (Felix Kramer) im gutbürgerlichen Eigenheim. Die Erwachsenen sind beruflich erfolgreich und arbeiten viel. Julia im Management eines nicht näher bezeichneten Unternehmens, Tobias in verantwortlicher Kreativ-Position bei einem Verlag. Als Marielle von einer Freundin im Streit eine heftige Ohrfeige erhält, kann sie danach plötzlich alles hören und sehen, was ihre Eltern tun. Selbst, wenn sie in diesem Moment schläft oder räumlich weit entfernt von ihnen ist. Sehr früh in diesem mit 86 Minuten kompakten Film gesteht Marielle den Eltern ihre neue Fähigkeit: Mama hat mit ihrem Kollegen Max (Mehmet Ateşçi) geraucht und heftig geflirtet - mit deutlichen sexuellen Anspielungen. Tobias wurde bei einem Meeting im Verlag bloßgestellt - und machte im Kollegenkreis keine gute Figur.
Die Eltern reagieren abstreitend bis entsetzt. Tobias sagt Julia, jene Szene, die Marielle gesehen hätte, wäre nur ausgedacht. Und natürlich beteuert auch Julia, weder geraucht noch mit ihrem Kollegen "komische Dinge" ausgetaucht zu haben. Bald jedoch wird klar: Marielle weiß tatsächlich alles, was ihre Eltern tun und sagen.
Die Erwachsenen beginnen, ihr Verhalten zu ändern. Reden auf Französisch miteinander (es könnte ja helfen) oder erklären "kindgerecht" bei erwachsenen Handlungen und Dialogen, was sie da gerade eigentlich tun. Schließlich werden Julia und Tobias ja ständig beobachtet. Man kann nicht sagen, dass dieser Zustand irgendjemand in der Familie gefallen würde. Auch Marielle leidet unter ihrer Gabe. Die Beziehung der Eltern zueinander und zu ihrem Kind verändert sich massiv. Alle drei wünschen sich einen Ausweg aus der Allwissenheit und ständigen Kontrolle. Können wir ohne unsere Geheimnisse vielleicht gar nicht leben? "Was Marielle weiß" läuft ab Freitag, 18. September, in der ZDF-Mediathek.
Stumme Bedrohlichkeit und stilles Leid
Frédéric Hambalek, 1986 geboren, ist einer der kreativsten jüngeren Filmschaffenden Deutschlands. Im Jahr 2020 feierte sein No-Budget-Langfilmdebüt "Modell Olimpia" Premiere. "Was Marielle weiß", der im Wettbewerb der Berlinale lief und auf unzähligen internationalen Festivals Beachtung und auch Preise gewann, ist sein zweiter Langfilm. Als Drehbuchautor origineller Geschichten ist der gebürtige Karlsruher schon länger dabei. Er erdachte die ungewöhnlichen Krimis "Der Polizist und das Mädchen" und "Jackpot", dazu das wunderbare Dreipersonenstück "Der neue Freund" mit Corinna Harfouch, die sich zum Leidwesen ihrer Tochter (Karin Hanczewski) einen zweifelhaften jungen Kerl geangelt hat. Mit "Was Marielle weiß" dürfte Hambalek nun endgültig den Durchbruch als einer der interessantesten neueren deutschen Filmemacher geschafft haben.
Was seinen Film auszeichnet, ist nicht nur die originelle Idee, sondern die hochpräzise Umsetzung von deren Folgen. Mit Julia Jentsch und Felix Kramer verkörpern zwei der besten deutschen Schauspieler ihrer Generation die Eltern. Mit Laeni Geiseler fand man eine junge Darstellerin, die gleichzeitig eine stumme Bedrohlichkeit wie stilles Leid ausstrahlt. Weil sich die Dreierbeziehung in der Kleinfamilie aufgrund von Marielles Fähigkeiten verändert und so immer wieder skurrile Situationen auslöst, schwankt der von der ZDF-Redaktion "Das kleine Fernsehspiel" mitproduzierte Film zwischen Drama und bitterböser Komödie.
Fantastische Idee, hochrealistische Ausarbeitung
Wie die intellektuellen Eltern durch den Verlust kleinerer und größerer Geheimnisse in multiple Krisen rutschen, ist ebenso tragisch wie urkomisch. Dennoch behält Hambalek immer einen präzisen psychologischen Blick auf seine Figuren. Deren Handeln ist zwar mitunter überraschend, aber stets nachvollziehbar. Und ja: Die Grundidee dieses Films ist fantastisch, jedoch ist alles, was folgt, höchst realistisch.