Friede, Freude, Schlaaand: Von der Wucht des Public Viewing
Autor: Frank Rauscher
, Mittwoch, 03. Juni 2026
Abertausende Menschen, die gemeinsam feiern und gebannt auf eine Leinwand starren: Diesen kollektiven Rauschzustand kennt man spätestens seit der WM 2006 im eigenen Land unter dem Namen "Public Viewing". Und was ist diesmal, 20 Jahre nach dem "Sommermärchen", zu erwarten?
Fußball schaut man am besten im Stadion - oder bequem zu Hause auf der Couch. So war das mal - bis sich mit der unvergessenen Heim-WM 2006 auch das nachhaltig änderte: Das Massenphänomen Public Viewing, es wird auch in diesen Tagen, vor dem Start der WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada, in Erinnerung gerufen, manchmal geradezu beschworen. Stimmt ja auch: So schön wie damals beim Sommermärchen war es in den 20 Jahren, die seither vergingen, nie wieder. Es fällt beim Blick auf die gesellschaftliche Gemengelage allerdings schwer, an ein Comeback der vom Fußball generierten Euphoriewelle zu glauben.
Heute darf man jedenfalls durchaus mit Wehmut auf eine Zeit blicken, in der manch ein Fußball-Event Züge eines Rockfestivals hatte und auf den Plätzen und Straßen, in den Biergärten und Fanmeilen eine bis dato kaum für möglich gehaltene Aufbruchstimmung entfacht wurde. Die WM 2006 war eine Party - und die wurde hierzulande fürwahr gemeinsam zelebriert.
Auch weil damals, am 6. Juni, nach einer längeren Regenperiode rechtzeitig zum Turnierstart wieder die Sonne schien und Philipp Lahms Tor in der sechsten Minute des Eröffnungsspiels gegen Costa Rica scheinbar Wunder wirkte gegen all die Skepsis, die zuvor geherrscht hatte: Ganz Deutschland jubelte sich urplötzlich in eine eigentümlich hibbelige Gemütslage hinein, was eine erstaunlich verbindende Wirkung entfaltete. Man trank, sang, feierte zusammen, man herzte sich, man hoffte, bangte und heulte sich Schulter an Schulter die Seele aus dem Leib. Das Stimmungsbarometer kletterte in ungeahnte Höhen.
Daheim beim Grillen, auf den Straßen, in den Kneipen und Biergärten und natürlich in all den Public-Viewing-Areas und Fanmeilen: Überall ging es in jenen Tagen um Fußball, und weil Social Media noch in den Kinderschuhen steckte, war alles ein bisschen freier und naiver, weil nicht jede kleine Peinlichkeit im Bild festgehalten und geteilt wurde. Der Treiber jener positiven Grundstimmung waren die gemeinsam gesehen Fernsehbilder. Snippets, Memes und Selfies spielten noch keine Rolle. Kurzum: Alle staunten gemeinsam darüber, wie cool dieses Land auf einmal war.
Am meisten wunderten sich die Deutschen selbst: über die Gastfreundschaft, darüber, wie locker sie sich nach außen präsentierten und wie selbstverständlich plötzlich schwarz-rot-goldene Fahnen waren, aber auch wie sie auf einmal alle zusammenhielten. Wer auf den Fanmeilen beispielsweise in Berlin oder auf der Leopoldstraße in München dabei war, wird die Atmosphäre und die vielen Begegnungen, die aus Fremden wenigstens für ein paar Minuten Freunde machten, im Leben nicht vergessen.
Dem "Sommermärchen" war nicht umsonst auch eine politische Dimension zugeschrieben worden. Zwar wissen wir längst, dass all das leider nicht so langlebig war, wie man damals glaubte, doch nun, 20 Jahre später, unmittelbar vor dem Start der WM 2026 (11. Juni bis 19. Juli), ist es keine Frage: Zumindest ein Hauch jener Aufbruchstimmung würde der in Teilen scheinbar hoffnungslos zerstrittenen Gesellschaft guttun. Fußball hat gewiss nicht die Macht, ein Land zu vereinen. Aber - siehe 2006 - er könnte mit seiner einzigartigen Strahlkraft im allerbesten Fall für eine Weile das allgegenwärtige "Ich" wieder zum "Wir" werden lassen und den Wind in eine andere Richtung drehen. Friede, Freude, Schlaaand - das wär' doch was.
Doch wie gut stehen, abseits von der mit gebremster Euphorie begutachteten sportlichen Situation der Elf von Julian Nagelsmann, die Chancen dafür? Wie viel "Sommermärchen" ist angesichts der gedrückten Stimmung möglich?