"Erfreute sich daran, Berti kleinzumachen": ARD-Doku greift Franz Beckenbauer scharf an
Autor: Jens Szameit
, Dienstag, 02. Juni 2026
"Geradezu niederträchtig": So hart urteilen Zeitzeugen einer neuen ARD-Doku über den Umgang mit dem früheren Fußball-Bundestrainer Berti Vogts. Im Film über die verkorkste WM 1994 kommt Franz Beckenbauer besonders schlecht weg ... sowie ein aufstrebender TV-Star namens Stefan Raab.
Er war die "Lichtgestalt", die Fußball-Deutschland 1990 in einer magischen Nacht von Rom zum Weltmeister-Titel führte. Doch auf seinen Nachfolger Berti Vogts warf Franz Beckenbauer einen Schatten, der die Erfolgsaussichten bei der WM 1994 verdunkelte. Zu diesem Urteil kommt die vierteilige ARD-Dokumentation "Elf Helden - ein Albtraum" von Manfred Oldenburg, die ab sofort in der ARD-Mediathek bereitsteht.
In Kürze wird wieder eine deutsche Fußballnationalmannschaft zu einer Weltmeisterschaft in die USA aufbrechen. Man kann nur hoffen, dass aus den Fehlern von 94 gelernt wurde. Damals kam das Aus gegen bulgarische Underdogs im Viertelfinale. Wiewohl alle überzeugt waren, dass der deutsche Kader der stärkste des ganzen Turniers war. Das Scheitern voller Nebengeräusche wurde zum Spießrutenlauf für den Bundestrainer Vogts. Nicht zuletzt dank seines Vorgängers, der damals als Experte für den Pay-TV-Sender Premiere in die USA gereist war.
Schon das war ein Unding, sagt in der ARD-Doku der Autor Dietrich Schulze-Marmeling: "Da hätte Beckenbauer sagen müssen, das mache ich nicht. Das mache ich vielleicht in vier Jahren, aber jetzt nicht, nicht bei meinem direkten Nachfolger." Marcel Reif, damals Live-Kommentator fürs ZDF, kommt in Bezug auf Beckenbauer zu einer ähnlich kritischen Bewertung: "Er wusste, was er tat. Wissentlich ist er ans Äußerste gegangen. Einen Bundestrainer kurz vor einer WM als Pfeife zu bezeichnen - mehr geht nicht."
"Ich fand es geradezu niederträchtig, was da gemacht wurde"
Die Aussage mit der "Pfeife" hatte Beckenbauer im Zuge von Transfergerüchten über den italienischen Fußballer Nicola Berti zum FC Bayern getätigt ("Ein Berti genügt"). Ein typischer Franz. Deutlich weniger flapsig und spontan wirkt im Rückblick die Ansage, er könne sich vorstellen, Deutschland "noch mal zu einer WM" zu führen. Getätigt nur einen Monat vor Start des Turniers in den USA - natürlich in des Kaisers Vertrauensmedium, der "Bild".
Marcel Reif: "Der Zeitpunkt ist es, und der Tonfall ist es. Du ziehst einem Bundestrainer den Boden unter den Füßen weg." Für Vogts sei das Verdikt des Vorgängers im Grunde "nicht auszuhalten" gewesen. Im Laufe des von viel Missstimmung geprägten Turniers wurden nicht von ungefähr Forderungen laut, Beckenbauer solle Vogts ablösen. Autor Schulze-Marmeling: "Ich fand es geradezu niederträchtig, was da gemacht wurde."
Reinhold Beckmann, der damals Beckenbauer zu Premiere lotste, versteht die Beweggründe des 2024 gestorbenen Fußball-Kaisers bis heute nicht: "Es gibt die zweiten Seiten bei Franz Beckenbauer. Ein wahnsinnig umgänglicher Mensch. Immer ein Blick für sozial Schwächere." Im Umgang mit seinem Nachfolger habe sich eine andere Facette gezeigt: "Mir ist es ein Rätsel, warum er sich daran erfreute, Berti kleinzumachen."
Berti Vogts sagt nur: "Fragen Sie Lothar!"
Die Folge: Eine Autorität wie Beckenbauer entwickelte Vogts zumindest bei den "alteingesessenen Spielern" nicht, wie sich WM-Fahrer Thomas Strunz erinnert. Am Ende sei "Berti" völlig verunsichert gewesen. "Vor einem Spiel hat er nur zehn Spieler aufgeschrieben. Da mussten wir ihn dran erinnern, dass wir zu elft spielen. Oder dass ein Spieler eine Ecke schießen soll, der dann sagt: 'Trainer, ich spiele gar nicht.' Das hat dazu geführt, dass es keine Ernsthaftigkeit mehr gab und alle nur darauf gewartet haben: Was gibt es denn heute für einen Fauxpas des Trainers?"