ARTE zeigt an einem Abend die dreiteilige Dokumentation "Beckenbauer - Der letzte Kaiser". Zahlreiche Prominente erinnern sich an den Kaiser und das Land, in dem er regierte.
Beckenbauer. Immer wieder Beckenbauer. Der Kaiser. Eine Lichtgestalt. Aber Genie und Mensch zugleich. Erst Vergötterter, dann Gestürzter. Irgendwann kam es im Fernsehen in Mode, seine urdeutsche Geschichte zu erzählen, und so wurden dem ernsthaften Fußballfan inzwischen eine Unzahl von Dokumentationen, Filmen und Serien über Franz Beckenbauer vorgesetzt. 2023 etwa die sehr gelungene RTL-Serie "Gute Freunde", die auf der Grundlage des brillanten gleichnamigen Buches von Thomas Huetlin entstand. Oder das Biopic "Der Kaiser" (2022) bei Sky, das etwas glatt, aber detailreich geriet. Dazu Dokus wie Uli Weidenbachs "Mensch Beckenbauer! Schau'n mer mal", Thomas Klingers "Der Ball war mein Freund" und viele, viele andere.
Jetzt wiederholt ARTE eine Dokumentation, eine gute Woche nach dem zweiten Todestag am 7. Januar. Und ja, man könnte zur Annahme kommen, dass eben schon alles gesagt ist über den Kaiser, nur eben noch nicht von jedem. Genau daraus aber zieht der Film von Torsten Körner seine Klasse. Körner hat wie kaum ein Zweiter ein Recht darauf, seine Version des Kaisers zu erzählen. Und er lässt dafür viele, viele Prominente reden. Der Journalist und Autor schrieb vor gut 20 Jahren eine Biografie über Deutschland namhaftesten Fußballer ("Der freie Mann") und traf ihn sowie seine Weggefährten und -gefährtinnen dafür unzählige Male. "Beckenbauer - Der letzte Kaiser" heißt nun sein Film (Produktion: Leopold Hoesch), der zunächst bei MagentaTV lief. ARTE zeigt nun die drei Folgen hintereinander bis 22.50 Uhr.
"Ja gut, äääh, sicherlich ..."
Körner nimmt das Publikum mit zu einer Zeitreise, beginnend im Nachkriegs-Giesing nach 1945 bis hin zum Heute. Wie fast alle modernen Dokumentaristen verzichtet er auf einen Erzähler, sondern lässt die Bilder und Worte anderer für sich sprechen. Da ist zunächst natürlich Franz Beckenbauer selbst, der in zahllosen Originaltönen zu hören ist, die über die dahinter laufenden Bewegtbilder problemlos zeitlich einzuordnen sind. Viel Ungehörtes ist da dabei, viele Schätze aus den Archiven, aber einen neuen Beckenbauer ergibt das freilich nicht. Er ist immer drin, dieser vertraute Münchnerische Ton, der später gerne von manchem Komiker karikiert wurde - "ja gut, äääh, sicherlich ..."
Natürlich serviert der Film alle ja schon ikonischen Fußballbilder, die des Kaisers Leben prägten, und ein paar neue dazu. Das Wembley-Tor 1966, die Niederlage bei der WM 1974 gegen die DDR, das Finale in München und 16 Jahre später dann die WM in Italien. Das Besondere an dieser Dokumentation jedoch sind die Interviews, die Körner mit Weggefährten und Beobachtern führte. Menschen also, die Franz Beckenbauer entweder gut kannten, die mit ihm einen Teil ihres Lebensweges gingen oder für die der Libero eben durch seine fußballerischen Fähigkeiten eine besondere Rolle spielte.
"Was ich so wahnsinnig interessant finde, ist, dass mir eigentlich niemand einfällt, dessen persönliche Entwicklung so parallel oder synchron verlief zur Entwicklung der Bundesrepublik wie die Entwicklung dieses Mannes. Wenn man wissen will, wie sich dieses Land ab den 50er-Jahren verändert hat, könnte man sich auch Jahr für Jahr ein Foto von Franz Beckenbauer ansehen." Diesen klugen Gedanken formuliert der Schauspieler und Fußball-Kolumnist Matthias Brandt (Jahrgang 1961) gleich zu Beginn des Films, und er gibt damit in gewisser Hinsicht die Tonalität vor. Es geht chronologisch durch das Leben Beckenbauers, vor allem aber eben parallel auch durch die Geschichte dieses Landes.
Zahlreiche Zeitzeugen äußern sich über den "Kaiser"
Es ist Fußballdokumentationen zu eigen, dass sie sich im Kern eigentlich nie um den Fußball selbst drehen - vor lauter Sorge, das würde die Menschen dann doch langweilen. Ein bisschen lässt Körner diesmal hier über die Bedeutung des Außenrists philosophieren (das tun ein Lehrfilm und Michel Platini), aber auch er verzichtet leider darauf, die sportliche Karriere des Spielers sorgsam nachzuerzählen. Es geht stattdessen um die Art, wie Beckenbauer spielte, wie er seine Rolle auf dem Platz begriff und wie er daneben mithilfe von seinem Manager Robert Schwan die Grundlagen für ein einzigartiges Geschäftsmodell legte. "In Geschäftsdingen war Franz Beckenbauer seiner Zeit voraus und hat die Zeit geprägt", sagt der Autor Friedrich Ani. Und Günther Jauch ergänzt, dass Robert Schwan ja eine Vaterfigur gewesen sei, die dem Franz klarmachte, was es alles braucht, um gut vermarktet zu werden. Das Fernsehen zum Beispiel.
Friedrich Ani und Günther Jauch, der Journalist Alfred Draxler und Michel Platini, der Regisseur Christian Petzold und
Wolfgang Thierse, ehemaliger Präsident des Deutschen Bundestages. Das sind nur einige wenige der Personen, die sich hier im üblichen Zeitzeugen-Setting erinnern an Beckenbauer oder an die Zeit, in der er groß wurde. Es sind fast ausnahmslos kluge, charmante, originelle, in jedem Fall aber einigermaßen unverbrauchte Worte, die hier gefunden werden.