"Doppelter Verrat an der Bevölkerung": Iran-Experten bei Illner befürchten "Debakel"

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"Maybrit Illner"
Die Runde bei "Maybrit Illner" beschäftigte sich am Donnerstagabend mit den Zukunftsaussichten des Iran.
ZDF/ Jule Roehr
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Die Exil-Iranerin Mariam Claren macht sich große Sorgen um ihre Heimat.
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"Alles, was dazu führt, dass das Regime bleibt, ist ein Drehbuch für den nächsten Krieg", plädierte Omid Nouripour für eine nachhaltige Lösung im Iran.
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Angesichts der fehlenden Iran-Strategie von Donald Trump malte die Expertenrunde bei "Maybrit Illner" ein düsteres Zukunftsbild: "Das Dilemma wird bleiben." Die deutlichsten Worte fand dabei die Exil-Iranerin Mariam Claren.

Als die Exil-Iranerin Mariam Claren nach dem Wunsch der Iranerinnen und Iraner in der Diaspora sowie der Menschen im Iran gefragt wurde, musste sie bei "Maybrit Illner" nicht lange nachdenken: "Ein Sturz und ein Ende der Islamischen Republik Iran - und zwar komplett und schnell", machte die selbst ernannte "Botschafterin" von der Menschenrechtsorganisation Hawar.help am Donnerstagabend deutlich.

Dieser Wunsch bleibt vermutlich unerfüllt: Die Vereinigten Staaten hätten "keine wirklich ausformulierte Strategie (...) über die zukünftige zivile Führung" im Iran - die Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nach seinem Besuch beim US-Präsidenten Donald Trump im Weißen Haus am Dienstagnachmittag klang wenig beruhigend. Einen Plan konnten auch die in der Talkshow versammelten Experten nicht erkennen. "Bei Israel gibt es ein klares Ziel", erkannte Grünen-Politiker Omid Nouripour unterschiedliche Interessen zwischen den USA und seinem Kooperationspartner Israel, "bei den Amerikanern muss man schauen, wo die Reise hingeht".

Militärexperte befürchtet bei Illner "Debakel" im Iran

Dass die USA ernsthaft an einem Regimewechsel im Iran interessiert seien, bezweifelte auch Konfliktforscherin Nicole Deitelhoff: "Jeden Tag kommt eine neue Nebelkerze aus Washington, jeden Tag verändert sich das Narrativ." Wäre das Ziel ein Regimewechsel, hätte man einen Angriff entsprechend vorbereiten und den Wechsel mit Partnern vor Ort begleiten müssen, kritisierte sie. Zudem hätten die Erfahrungen der letzten 20 Jahre gezeigt, dass Regimewechsel von außen meist nicht erfolgreich seien und stattdessen zu destabilisierten Staaten mit konkurrierenden Gewaltherrschern, neuen Terrorismusstrukturen und Migration führen.

Entsprechend passiere gerade ein "doppelter Verrat an der iranischen Bevölkerung", beanstandete Deitelhoff: Man bringe einerseits eine Bombardierung durch die USA und Israel über diese, andererseits gebe es aber keinen Plan, wie man sie schützen wolle. "Politisch ist das ein Debakel", fasste der Militärexperte Frank Sauer den Angriff auf den Iran zusammen. Operativ und militärisch sei zwar gelungen, die Offensivkapazität des Irans drastisch zu reduzieren. Die Intention Israels einer Schwächung der Islamischen Republik sei damit erreicht, fügte der Islam-Wissenschaftler Guido Steinberg hinzu. Weitergehende Ziele wie die eines Regimewechsel - so sie bestehen - könnten aber auf absehbare Zeit nicht erreicht werden, stimmten beide überein.

Einigkeit herrschte auch darin, dass sich sowohl Israel wie US-Präsident Trump in einigen Tagen und ein paar wenigen Wochen vom Iran abwenden werden. Das würde "eine absolute Vollkatastrophe" zurücklassen, malte Sauer das Schreckensszenario: "Und dass es der Zivilgesellschaft im Iran, die zu Zehntausenden niedergemetzelt wurde, gar nichts gebracht haben wird", gab er sich wenig optimistisch, "das ist das, was wir befürchten müssen."

Exil-Iranerin Claren warnt: "Dann war das Massaker im Januar nur ein Warmlaufen"

"Wir sprechen über die Ziele der Amerikaner, der Israelis und haben auch einen Blick auf Europa geworfen", ging die Diskussion nach Ansicht von Mariam Claren in die falsche Richtung. Es sollte vielmehr um das Ziel beziehungsweise den Wunsch der iranischen Zivilbevölkerung gehen: "Das Ziel wird nicht weggehen, Inflation wird nicht weggehen, die wirtschaftlichen Probleme werden nicht weggehen - das heißt, das Dilemma wird bleiben", machte sie auch die "Appeasement-Politik" des Westens für all diese mitverantwortlich.

Zu lange seien die Forderungen und Klagen der iranischen Zivilbevölkerung belächelt und etwa die Listung der iranischen Revolutionsgarden (IRGC/Pasdaran) als Terrororganisation aufgeschoben worden, kritsierte sie. "Was am Ende übrig bleibt, ist eine Zivilgesellschaft von 92 Millionen Menschen, die nicht mehr können, denen der Atem ausgeht, die einem Regime, das bis auf die Zähne bewaffnet ist, gegenüberstehen", wurde Claren sichtlich emotional. Denn der Apparat des Machtsystems sei weiterhin sehr stark. Für sie stand fest: "Wenn jetzt kein Regime-Change kommt, kann ich Ihnen jetzt schon versichern, dass das Massaker im Januar nur ein Warmlaufen des Regimes war."

Worunter vor allem die Iranerinnen und Iraner leiden, könnte weiterreichende Folgen haben: "Alles, was dazu führt, dass das Regime bleibt, ist ein Drehbuch für den nächsten Krieg", warnte Nouripour. Auch in Europa könnte die Anschlagsgefahr auf die iranische Diaspora sowie jüdische, israelische, amerikanische Einrichtungen und die Bundeswehr weiter steigen.

Quelle: teleschau – der mediendienst