"Dirty Dancing" ein politisches Manifest? So haben Sie den Kultfilm noch nie gesehen!
Autor: Stefan Weber
, Freitag, 24. Juli 2026
Er ist einer der größten Kultfilme der 80er-Jahre - erzählt aber viel mehr als nur eine Romanze zwischen einem coolen Tanzlehrer und einer jungen Frau: Eine neue Doku zeigt, wie und warum "Dirty Dancing" als feministisches Manifest gesehen werden kann.
"Dirty Dancing ist einer der ultimativen feministischen Filme": Zu diesem Schluss kommt Andrea Warner, Popkultur-Expertin und Autorin eines Buches über den Tanzfilm. Und nicht nur sie: In der neuen Dokumentation "'Dirty Dancing': Romantik, Drama, Tanz!", die am Sonntag, 25. Juli, um 22.20 Uhr bei ARTE in einer Erstausstrahlung zu sehen ist, sprechen die Macherinnen des Films über die Entstehungsgeschichte des Kultfilms. Und auch darüber, was ihre wahren Motive waren. Für Produzentin Linda Gottlieb und Drehbuchautorin Eleanor Bergstein erzählt "Dirty Dancing" vor allem die Geschichte einer weiblichen Emanzipation - inklusive der Abtreibung, die der "zentrale Bestandteil" des Films sei.
Die Dokumentation klärt dementsprechend auch über die Hintergründe auf: "Dirty Dancing" spielt 1963, und damit zehn Jahre vor dem wegweisenden "Roe v. Wade"-Urteil, das Abtreibung in den USA landesweit legalisierte. Als der Film 1987 in die Kinos kam, war der Eingriff zwar erlaubt, doch unter Präsident Reagan gewann die Pro-Life-Bewegung an Boden. Bergstein baute den Handlungsstrang laut eigener Aussage genau deshalb ein, weil sie schon damals eine Aushöhlung des Urteils befürchtete.
Er ist der (heimliche) Held des Films
Wie wichtig ihr eine ungeschönte Darstellung war, macht Bergstein mehrfach deutlich: Sie habe an die Risiken heimlicher Abtreibungen erinnern wollen. Deshalb habe sie auch mehrfach eingefordert, die Szene, in der Penny nach dem Eingriff eines Pfuschers unter Schmerzen leidet, neu zu drehen. Denn ihre Darstellerin Cynthia Rhodes sah nach Bergsteins Ansicht jeweils noch zu "gut" aus. "So geht das nicht", intervenierte sie damals: "Sie blutet und stirbt - macht das nochmal!" Rhodes wirke dabei wie eine Prinzessin, die man sofort beschützen wolle. Und Pennys Vater, Dr. Houseman, der ihr schließlich hilft, ist für Bergstein der Held: "Er riskiert seine Arztzulassung, 25 Jahre Knast und 100.000 Dollar Strafe" - und dennoch behandelt er Penny "ohne zu zögern" und "ohne ein Werturteil" zu fällen.
Doch nicht nur das Verhalten von Dr. Houseman ist bemerkenswert: "In den meisten Filmen über Abtreibung geht es um eine Frau, die eine Entscheidung bezüglich ihrer Schwangerschaft trifft", sagte Dr. Gretchen Sisson 2010 in einem Interview mit "Rewire". Die Soziologin, die filmische Abtreibungsdarstellungen erforscht hat, hebt einen Unterschied zu vielen Filmen hervor: "Bei 'Dirty Dancing' ist die Entscheidung bereits gefallen", so Sisson, "keine der Figuren stellt Pennys Entscheidung jemals infrage".
Natürlich, so sagt Eleanor Bergstein, hätte man versucht, den Film zu "entschärfen": Die kontroverse Szene müsse raus, habe einer der Geldgeber nach Sichtung des Films gesagt. Doch das sei unmöglich gewesen, so die Autorin: "Wenn ich die Abtreibung rausschneide, dann hat Baby kein Motiv mehr, um tanzen zu lernen und sich in Johnny zu verlieben."
Ein Happy End der anderen Art
Die feministische Botschaft des Films geht noch tiefer, wie die Doku zeigt: Dass Jennifer Grey nicht dem klassischen Hollywood-Beauty-Ideal entsprach, wie Gottlieb behauptet, war keine Kompromisslösung, sondern Kalkül. Diesmal sollte der Mann das Objekt der Begierde sein. Bergstein wiederum wollte mit Baby eine selbstbewusste junge Frau zeichnen, eine "Kämpferin", eine Figur, die hart arbeitet und nicht aufgibt.
Tatsächlich zeigt der Film eine junge Frau, die von Anfang an ihre eigenen Interessen hat: Sie will Wirtschaftswissenschaften studieren und die Welt verändern. Sie durchschaut die Klassenschranken im scheinbar heilen Ferien-Resort, erkennt die Doppelmoral hinter der Fassade - und lässt sich davon nicht einschüchtern. Sie ist es, die ihren Wunsch nach Sex deutlich macht - nicht Johnny.