"Traut the Kraut": Ein Genickbruch machte ihn unsterblich
Autor: Kai-Oliver Derks
, Mittwoch, 06. Mai 2026
Das Biopic rund um den ehemaligen deutschen Weltklasse-Torwart Bernd Trautmann erzählt vor allem von seinen ersten Jahren in England. Doch auch vorher und nachher führte er ein außergewöhnliches Leben. Vom Nazi-Feind zum Fan-Liebling.
Peter Murphy konnte nichts dafür. Der erfahrene Kicker von Birmingham City hatte sich beim Stand von 1:3 etwa sieben Meter vor dem gegnerischen Tor in eine gute Position gebracht. Doch die Kopfballvorlage in den Raum durch den Mittelstürmer mit der Nummer 9 geriet für ihn eine Spur zu lang. Bernd Trautmann, der Torwart von Manchester City, zu dessen großen Stärken seit jeher die Strafraumbeherrschung gehörte, war aufmerksam. Und mutig wie immer. Er hechtete aus dem Tor, begrub den Ball unter sich, und Murphy setzte im gleichen Moment mit dem Fuß nach. Eine Szene, wie es sie bis heute unzählige Male im Fußball gibt. 16 Minuten waren zu diesem Zeitpunkt im FA-Cup-Finale 1956 noch zu spielen. Ziemlich genau 70 Jahre ist das also her.
Es ist der Moment, als sein Genick brach, der Bernd Trautmann zur Legende machte. Hätte Murphy zurückgezogen - wer weiß, ob dieser Film gedreht worden wäre. Wohl eher nicht. So aber erinnert der Regisseur Marcus H. Rosenmüller in einem aufwendig inszenierten Biopic an einen der besten Torhüter, die Deutschland dem Vernehmen nach je hatte. Und doch sprach lange Zeit kaum jemand von ihm. Was sich andern sollte! Denn Trautmanns spektakuläre Geschichte ist ohne Versöhnung nicht denkbar. Und gleichsam nicht ohne die Macht des Fußballs, die bisweilen größer sein kann als jeder politische Vertrag. Das Erste zeigt den Film passend zur Fußball-WM am Freitag, 12. Juni, 0.15 Uhr.
Das berühmteste Genick der Fußballgeschichte
Noch im Jahr zuvor, 1955 also, hatte Manchester City den Cup gegen Newcastle vor 100.000 Zuschauern verloren. Nun wollte Coach Leslie McDowall den Pokal endlich in den Nordwesten des Landes bringen. Mit Trautmann im Tor, der mit 33 Jahren im besten Torwartalter war und längst zu den Stützen seiner Mannschaft gehörte. Nach dem Zusammenprall stand die eigentlich beruhigende 3:1-Führung auf dem Spiel. Auswechslungen gab es zu jener Zeit noch nicht. Ein Spieler hätte ins Tor gehen, Manchester die Partie zu zehnt überstehen müssen. Trautmann wusste das natürlich, stand auf und spielte unter Schmerzen weiter.
"Es war plötzlich Nebel vor meinen Augen, alles wirkte nur noch grau. Die Spieler erkannte ich nicht mehr, sie sahen aus wie Geister." Was er nicht wusste: Er hatte sich einen Genickbruch zugezogen und fünf Halswirbel ausgerenkt. Der Tod war nahe und blieb es die folgenden 14 Minuten, in denen der Keeper noch mehrfach eingreifen musste. Hätte er geahnt, wie es um ihn stand, er wäre wohl doch aus dem Spiel gegangen, gestand Trautmann später. Womöglich auch deshalb hatte er Marcus Rosenmüller, der Trautmann vor vielen Jahren zum Interview traf, gebeten, bloß kleinen Film über den Torwart mit dem gebrochenen Genick zu drehen. Auch weil ihn noch Jahrzehnte später alle immer wieder nur darauf ansprachen: auf das Finale, auf das Genick und darauf, dass er weiterspielte.
Rosenmüller tat ihm den Gefallen. Einige Minuten lang wird dieser Schicksalsmoment freilich doch beschrieben, übrigens szenisch exzellent und nah am Original nachgestellt. Ebenso die Zeit danach, die Monate in Gips, die Halsstütze, die bis heute im National Football Museum in Manchester ausgestellt ist. Vor allem aber hat Rosenmüller einen Film gedreht über die ersten Jahre Bernd Trautmanns in England, wo er nach Kriegsende als deutscher Soldat in Gefangenschaft war.
Der Film erzählt über die ersten Auftritte des Fußballers beim Provinzclub St. Helens, dessen Direktor Jack Friar ihn im Lager entdeckte. Er erzählt über die Vorbehalte, ja den Hass, der dem Deutschen entgegenschlug, der immerhin Träger des Eisernen Kreuzes war. Und er erzählt, ziemlich lange, von der Liebe. Denn Trautmann lernte Margaret, die Tochter Friars, kennen und lieben. Es war die erste von insgesamt drei Ehen im Leben des Bernd Trautmann, was im Film dann allerdings kein Thema mehr ist.
Ist Fußball im Film langweilig?
"Trautmann" ist ein schöner, elegant und akribisch gemachter, liebevoller Film über die Nachkriegszeit und die Frage, wie aus Krieg wieder echter Frieden werden kann. Was es leider nicht ist: ein Fußballfilm. Auch wenn die Szenen, etwa im Augsburger Rosenau-Stadion, mit viel Hingabe nachgestellt und danach in der Postproduction zum Großevent aufbereitet wurden ... als Liebeserklärung an den Sport versteht sich "Trautmann" nicht. "Fußball", sagt Rosenmüller, sei im Kino per se "langweilig". Was stimmt, nimmt man das Spiel selbst, das natürlich dort niemals die Dramatik des echten Lebens annehmen kann. Und doch wünschte man sich etwas mehr davon.