Bei "Markus Lanz" geriet die Ost-West-Debatte erneut in den Fokus. Publizist Dirk Oschmann kritisierte, dass der Osten zu oft als "das Defizitäre, das Zurückgebliebene" abgestempelt und dadurch systematisch abgewertet werde. Im Studio prallten jedoch unterschiedliche Sichtweisen aufeinander.
Spätestens im Spätsommer dieses Jahres bekam die Ost-West-Debatte rund um die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin neues Futter. Wieder ging es um bekannte Streitpunkte: wirtschaftliche Unterschiede, zu wenig ostdeutsche Stimmen in Spitzenpositionen und das Gefühl vieler Menschen im Osten, politisch nicht wirklich gesehen zu werden. ZDF-Moderator Markus Lanz am Mittwochabend die Polarisierung im Land genauer unter die Lupe.
Dabei machte der im ostdeutschen Gotha geborene Autor Dirk Oschmann gleich zu Beginn klar, dass ihn die aktuelle Zuspitzung nicht überrasche. Ihn störe vor allem die Art, wie über Ostdeutsche gesprochen werde - etwa über Begriffe wie den "Jammer-Ossi". Oschmann ordnete das historisch ein: "Dass wir jetzt diese Ost-West-Debatte haben, ist keine Überraschung. Denn Historiker haben gezeigt, dass immer in Kulturen nach 30 bis 40 Jahren die Dinge neu aufgerollt werden."
Lanz wollte es genauer wissen und fragte: "Also die alten Themen kommen wieder auf den Tisch?" Oschmann nickte und wurde grundsätzlicher: "Es ist sozusagen ein kontinuierliches Diffamieren und Ausschließen und Diskriminieren des Ostens. Insofern reiht sich das einfach ein in eine lange Geschichte, die immer dasselbe sagt." Für Lanz klang das wie ein harter Vorwurf. Er fragte nach: "Woher kommt das?" Oschmann sah eine Funktion dahinter: Die westdeutsche Mehrheitsgesellschaft brauche womöglich eine "Art von Entlastungserzählung", "um sich selber zu stabilisieren. Sie hält sich ja sonst gerne für weltoffen und für divers, (...) nur eben im Blick auf diesen Osten nicht".
Publizist warnt vor Trugschluss in Bezug auf den Osten Deutschlands
Journalist Reinhard Bingener widersprach zwar nicht grundsätzlich, er setzte aber andere Akzente. Er beschrieb, dass der Westen "die Wiedervereinigung als Geschenk" und "als gegeben" wahrgenommen habe. Entsprechend sei das Thema dort lange kaum verhandelt worden. Im Gegenteil: die Wiedervereinigung sei "über Jahrzehnte" kein Stoff gewesen, der "in der westdeutschen Gesellschaft (...) besonders heiß debattiert" wurde. Gleichzeitig berichtete Bingener mit Blick auf die jüngste Landtagswahl in Sachsen-Anhalt von einer Veränderung im Ton: Er habe "an vielen Anlässen registriert", "dass dieses Abgrenzungsbewusstsein zunehmend aggressiv wird".
Als möglichen Grund nannte der Journalist die Wirtschaftspolitik. "Das Ziel muss doch sein, im Interesse der ostdeutschen Flächenländer, dass sie Wertschöpfung generieren. Und die wird generiert in Ballungszentren", sagte Bingener. Dirk Oschmann ließ das nicht unkommentiert stehen. Er warnte davor, den Osten dauerhaft in eine Defizitrolle zu drücken. Der Osten werde demnach immer wieder "ausgegrenzt" und "als das Andere, als das Defizitäre, das Zurückgebliebene" betrachtet. "Und die Frage ist, ob das nicht doch einen gewaltigen Effekt hat auf Dauer", warf Oschmann kritisch ein. Er betonte: "Das darf man als psychologischen Faktor nicht unterschätzen."
"Wir haben schon Pressefreiheit und die gilt es schon auch zu verteidigen"
Spürbar gereizt wurde die Diskussion, als es um die öffentliche Wahrnehmung der Wahlergebnisse im Osten ging. Oschmann kritisierte dabei vor allem die Darstellung in Teilen der Berichterstattung: Eingefärbte Wahlkarten vermittelten den Eindruck, "dass im Westen die Demokraten leben und im Osten die Nazis. Und das ist ein Problem". Reinhard Bingener konterte sofort: "Das ist eine vollkommen übliche Form der Berichterstattung nach Wahlen. (...) Wir haben schon Pressefreiheit und die gilt es schon auch zu verteidigen!"
Oschmann blieb jedoch dabei und schob nach, viele Westdeutsche würden sich "gerne als die Vertreter der Rationalität präsentieren", "während die Ostdeutschen in ihren Emotionen verloren sind". Es werde gerne suggeriert, "dass sie zornig sind, dass sie empört sind". Bingener reagierte trocken: "Einen Mangel an Zorn haben wir im politischen Diskurs im Moment nicht." Lanz schmunzelte: "Haben wir nicht, nein."