Sich etwas Schönes zu kaufen, kann Glücksgefühle auslösen. Gefährlich wird es jedoch, wenn sich aus der Euphorie über einen Kauf eine ernsthafte Sucht entwickelt. In der ZDF-Reportage "37°Leben: Raus aus der Kaufsucht" berichten zwei Betroffene von den finanziellen und psychischen Folgen.
"Du kaufst, bist glücklich, dann traurig, und dann musst du wieder kaufen." So beschreibt Sinem den Teufelskreis, in dem sie sich zwei Jahre lang befand. Die 26-Jährige leidet an Kaufsucht - und stellt damit keinen Einzelfall dar. Studien zufolge gelten etwa fünf Prozent der Deutschen als stark kaufsuchtgefährdet.
Wer in eine solche Sucht gerät, findet sich schnell in einer Abwärtsspirale wieder. Es drohen Mahnungen, Kreditschulden und psychische Belastungen. Doch das ist nicht alles. Wie die ZDF-Dokumentation "37°Leben: Raus aus der Kaufsucht" aufzeigt, haben Betroffene sogar oft mit körperliche Folgen zu kämpfen.
Die Reportage begleitet die beiden Frauen Sinem (26) und Zişan (35). Beide leiden an Kaufsucht und gehen mittlerweile aktiv dagegen vor.
Sinem ist seit 2022 betroffen. "Das meiste, das ich während der Kaufsucht gekauft habe, waren Beauty- und Pflegeartikel und Fashion", erinnert sie sich. Teilweise bestellte sie mehrmals täglich etwas im Internet. Durch ihren Überkonsum häufte sie Schulden von mehreren Zehntausend Euro an. Rückblickend gesteht sie: "Ich glaube, ich konnte mir das meiste von Anfang an gar nicht leisten." Zu Beginn der Sucht war Sinem noch Studentin. Heute vermutet sie, dass ihre Sucht durch ein traumatisches Erlebnis mit ihrem Vater ausgelöst wurde. Doch das exzessive Kaufverhalten entwickelte sich schnell zu einem Teufelskreis.
Diplom-Psychologin warnt: "Kaufsucht ist eine richtige Suchterkrankung"
Wenn sie etwas Neues kaufe, befinde sie sich "wie im Rausch", berichtet sie. Entsprechend groß seien die Glücksgefühle gewesen, wenn dann wieder mal ein neues Paket zu Hause ankam: "Wenn ich was bestellt habe und das nach Hause gekommen ist, war das für mich wie ein Geschenk", betont Sinem.
Dass ihr Verhalten eine gefährliche Entwicklung annahm, habe sie gemerkt, als sie ihren ersten Kredit aufnehmen musste, um Rechnungen zu bezahlen. Damals habe es sich um eine Summe zwischen 7.000 und 9.000 Euro gehandelt, erzählt Sinem. Doch dabei blieb es nicht. Sie bestellte weiter, nutzte die "Später bezahlen"-Option bei Online-Anbietern und nahm weitere Kredite auf. "Dann war es so viel, dass ich gar keine Übersicht mehr hatte", erzählt die 26-Jährige. Am Ende habe sie Schulden von rund 40.000 Euro angesammelt. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten konnte sie davon bereits 14.000 Euro zurückzahlen. Doch die offenen Rechnungen sind nur eine der Folgen eines gestörten Kaufverhaltens.
Laut der Diplom-Psychologin Helga Odendahl handele es sich bei Kaufsucht um eine "Impulskontrollstörung". Sie betont: "Kaufsucht ist eine richtige Suchterkrankung, das heißt, ich habe die gleichen Symptome wie bei einem kalten Entzug."