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Bürgergeld-Empfänger Jason (22) arbeitet dank Zwangsmaßnahme und sagt: "Ich find's richtig"


Autor: Teleschau  

, Donnerstag, 15. Januar 2026

Von "Zwangsarbeit" und "Demütigung" war die Rede. Doch der zwangsverpflichtete 1-Euro-Jobber Jason findet das umstrittene Pilotprojekt aus Thüringen "cool". Weniger hoffnungsvoll äußern sich andere Bürgergeld-Empfänger in einer neuen NDR-Reportage.


Geht es nach dem Willen der Bundesregierung, wird der Reizbegriff künftig aus den Debatten verschwinden. Aus dem Bürgergeld soll die Grundsicherung werden - inklusive Verschärfungen bei den zugrundeliegenden Regeln.

Wenn bei Jason alles läuft wie erhofft, wird er bei der geplanten Gesetzesänderung schon gar nicht mehr bedürftig sein. Noch aber ist das Wunschdenken. Der 22-Jährige hat keinen Schulabschluss, keine Ausbildung und schon lange keinen Job mehr.

Arbeiten muss er dennoch, dank einer umstrittenen Maßnahme seines Heimat-Landkreises Nordhausen in Thüringen. Anfang November 2025 bestellte das dortige Jobcenter junge Bürgergeld-Empfänger für Aushilfstätigkeiten gegen 1 Euro die Stunde ein. Bei Nichterscheinen klingelte das Ordnungsamt.

"Die Schule richtig abschließen, Arbeit suchen, Geld verdienen, so was"

Eine Landessprecherin der Grünen sprach von "Zwangsarbeit" und "Demütigung". Und wie findet Bürgergeld-Empfänger Jason das Pilotprojekt? "Ich find's richtig. Ich find's wirklich cool, dass so was eingeführt wurde", beteuert der junge Mann in der aktuellen NDR-Doku "Bürgergeld: Trifft es uns schneller als gedacht?" (abrufbar in der ARD-Mediathek). Er sei viel alleine gewesen, jetzt komme er endlich wieder "unter Menschen".

Die Resonanz auf das Nordhausener Pilotprojekt fiel Ende letzten Jahres mau aus. Aber immerhin bei Jason, den das Film-Team beim Entrümpeln antrifft, scheint der beabsichtigte Wachrüttel-Effekt eingetreten zu sein. "Ich fühl' mich einfach doof", gibt er im NDR-Interview zu. "Ich hätte vieles anders machen können und hab die Chance einfach nicht genutzt." Damit meint er: "Die Schule richtig abschließen, Arbeit suchen, Geld verdienen, so was."

Zwar findet Jason den schmalen Zuverdienst von einem Euro die Stunde "nicht fair". Dennoch scheint sein Leben einen gesunden Ruck bekommen zu haben: "Es hat sich sehr viel verändert bei mir in diesem einen Monat. Ich habe angefangen, Bewerbungen zu schreiben." Für ihn ist klar: "Ich möchte kein Bürgergeld-Empfänger mehr sein."

"Ich wollte es nicht wahrhaben, dass ich im Bürgergeld lande"

Es sind Sätze, die sich Friedrich Merz im Kanzleramt einrahmen könnte, so passgenau fügen sie sich in sein Reform-Credo für den Arbeitsmarkt ("Leistung wird wieder im Vordergrund stehen und nicht Behäbigkeit, Bequemlichkeit, Faulheit und alle möglichen Ausreden"). Nur: Sogenannte Totalverweigerer machen unter Bürgergeld-Empfängern einen geringen Teil aus, manche Berechnungen kommen auf nur ein Prozent.

Wer sind all die anderen? Und wie sind sie im Bürgergeld gelandet? Da wäre im Film von Reporter Manuel Biallas etwa Joshua, 30 Jahre aus Hamburg. Bis vor gut einem Jahr war er Projektmanager bei einem Bekleidungs-Einzelhandels-Unternehmen. Seine Stelle, sagt er, sei der Konsumkrise zum Opfer gefallen. Seither hat er keinen neuen Job gefunden.

"Ich wollte es nicht so richtig wahrhaben, dass ich im Bürgergeld lande, hab's dementsprechend weit hinausgezögert, es zu beantragen." Aber irgendwann sei er an den Punkt gelangt, an dem klar wurde: "Die nächste Miete kommt, die musst du irgendwie bezahlen, hast aber kein Geld." Ende des Monats komme es vor, dass er Freunde besuche, um dort essen zu können. Nun hat er Angst, seine Wohnung zu verlieren, weil die mit 750 Euro Miete in den Augen des Arbeitsamts wohl zu teuer sei.

Arbeitslose Hotelfachfrau spricht über ihren "Fehler": "Dass ich schwanger geworden bin"

Dass ein abgeschlossenes Studium nicht vor Bedürftigkeit schützt, hat auch Rabea erfahren. Silvester feiert sie verspätet - denn dann ist der Raclette-Käse billiger. Die studierte Germanistin findet nach einer Essstörung noch nicht zurück in die Verlagswelt. "Ich habe mich angemeldet bei der Tafel, kann da einmal die Woche hin. Das hilft natürlich." Ohne die dortigen Essensausgaben wäre ihre Lage "katastrophal, kaum möglich, sich gesund zu ernähren".

Von Scham und Angst berichtet auch das junge Elternpaar Julia (32) und Martin (28). Beide lernten sich in Martins Heimat Paraguay kennen, jetzt leben sie in Schleswig-Holstein. Dass Martin neben dem Deutschkurs Nachtschichten in einem Logistikzentrum absolviert, bringt ihnen gerade einmal 200 Euro mehr ein im Vergleich zu den Bezügen, die ohne Arbeit überwiesen würden.

Julia ist gelernte Hotelfachfrau ohne Job und sagt: "Man fühlt sich schuldig. Irgendwas hätte man ja mehr machen müssen, damit es nicht so weit kommt." Reporter Biallas will wissen, was ihr Fehler war. Die bittere Antwort: "Einige würden sagen, dass ich schwanger geworden bin."

"Die Selbstständigkeit ist weg"

Nicht selten sind es Schicksalsschläge, die ins Bürgergeld führen. Die Leipzigerin Elif musste mit 18 Jahren ins Frauenhaus und beteuert: "Ich war nicht in der mentalen Lage, einen Vollzeit-Job zu machen." Sie sei dankbar fürs Bürgergeld, sie wisse, dass es das in anderen Ländern nicht gibt. "Andererseits ist es nur Geld zum irgendwie Überleben." Um die Rechnung für ihre neue Zahnfüllung zahlen zu können, musste sie einen Spendenaufruf in den sozialen Medien posten.

Katja, 54, Oldenburg, seit 2017 im Bürgergeld, chronisch suchtkrank und schwerbehindert. Ein autarkes Einkommen kann sie nach schweren Krankheiten nicht mehr selbst erwirtschaften: "Die Selbstständigkeit ist weg", klagt sie in der Doku aus der "Panorama"-Redaktion. Bürgergeld zu beziehen, sei mit einem Gefühl von Ausgeliefertsein verbunden.

Zuletzt führt ein weiteres Fallbeispiel vor Augen, wie schwer es bisweilen die Gesetzeslage Betroffenen macht, das Bürgergeld zu verlassen. Anastasios studiert Medizin in Düsseldorf, lebt aber noch bei Mutter und Bruder in Mönchengladbach. Der 20-Jährige, der in Bedürftigkeit aufwuchs, würde zu gerne nach Düsseldorf ziehen, um nicht pendeln zu müssen. Aber aus Solidarität mit der Mutter bleibt er, denn: "Wenn ich die Bedarfsgemeinschaft verlasse, würde das Jobcenter die Leistungen kürzen." Oder auch zu dem Schluss kommen, dass die Wohnung zu groß für nur zwei verbliebene Bewohner sei.

Seine Schlussfolgerung, die schwer im Magen liegt: "Erst dann, wenn ich genug Geld habe, um meine Mutter aus dem Bürgergeld zu holen, können wir alle rausgehen."

Quelle: teleschau – der mediendienst