Wer sind all die anderen? Und wie sind sie im Bürgergeld gelandet? Da wäre im Film von Reporter Manuel Biallas etwa Joshua, 30 Jahre aus Hamburg. Bis vor gut einem Jahr war er Projektmanager bei einem Bekleidungs-Einzelhandels-Unternehmen. Seine Stelle, sagt er, sei der Konsumkrise zum Opfer gefallen. Seither hat er keinen neuen Job gefunden.
"Ich wollte es nicht so richtig wahrhaben, dass ich im Bürgergeld lande, hab's dementsprechend weit hinausgezögert, es zu beantragen." Aber irgendwann sei er an den Punkt gelangt, an dem klar wurde: "Die nächste Miete kommt, die musst du irgendwie bezahlen, hast aber kein Geld." Ende des Monats komme es vor, dass er Freunde besuche, um dort essen zu können. Nun hat er Angst, seine Wohnung zu verlieren, weil die mit 750 Euro Miete in den Augen des Arbeitsamts wohl zu teuer sei.
Arbeitslose Hotelfachfrau spricht über ihren "Fehler": "Dass ich schwanger geworden bin"
Dass ein abgeschlossenes Studium nicht vor Bedürftigkeit schützt, hat auch Rabea erfahren. Silvester feiert sie verspätet - denn dann ist der Raclette-Käse billiger. Die studierte Germanistin findet nach einer Essstörung noch nicht zurück in die Verlagswelt. "Ich habe mich angemeldet bei der Tafel, kann da einmal die Woche hin. Das hilft natürlich." Ohne die dortigen Essensausgaben wäre ihre Lage "katastrophal, kaum möglich, sich gesund zu ernähren".
Von Scham und Angst berichtet auch das junge Elternpaar Julia (32) und Martin (28). Beide lernten sich in Martins Heimat Paraguay kennen, jetzt leben sie in Schleswig-Holstein. Dass Martin neben dem Deutschkurs Nachtschichten in einem Logistikzentrum absolviert, bringt ihnen gerade einmal 200 Euro mehr ein im Vergleich zu den Bezügen, die ohne Arbeit überwiesen würden.
Julia ist gelernte Hotelfachfrau ohne Job und sagt: "Man fühlt sich schuldig. Irgendwas hätte man ja mehr machen müssen, damit es nicht so weit kommt." Reporter Biallas will wissen, was ihr Fehler war. Die bittere Antwort: "Einige würden sagen, dass ich schwanger geworden bin."
"Die Selbstständigkeit ist weg"
Nicht selten sind es Schicksalsschläge, die ins Bürgergeld führen. Die Leipzigerin Elif musste mit 18 Jahren ins Frauenhaus und beteuert: "Ich war nicht in der mentalen Lage, einen Vollzeit-Job zu machen." Sie sei dankbar fürs Bürgergeld, sie wisse, dass es das in anderen Ländern nicht gibt. "Andererseits ist es nur Geld zum irgendwie Überleben." Um die Rechnung für ihre neue Zahnfüllung zahlen zu können, musste sie einen Spendenaufruf in den sozialen Medien posten.
Katja, 54, Oldenburg, seit 2017 im Bürgergeld, chronisch suchtkrank und schwerbehindert. Ein autarkes Einkommen kann sie nach schweren Krankheiten nicht mehr selbst erwirtschaften: "Die Selbstständigkeit ist weg", klagt sie in der Doku aus der "Panorama"-Redaktion. Bürgergeld zu beziehen, sei mit einem Gefühl von Ausgeliefertsein verbunden.
Zuletzt führt ein weiteres Fallbeispiel vor Augen, wie schwer es bisweilen die Gesetzeslage Betroffenen macht, das Bürgergeld zu verlassen. Anastasios studiert Medizin in Düsseldorf, lebt aber noch bei Mutter und Bruder in Mönchengladbach. Der 20-Jährige, der in Bedürftigkeit aufwuchs, würde zu gerne nach Düsseldorf ziehen, um nicht pendeln zu müssen. Aber aus Solidarität mit der Mutter bleibt er, denn: "Wenn ich die Bedarfsgemeinschaft verlasse, würde das Jobcenter die Leistungen kürzen." Oder auch zu dem Schluss kommen, dass die Wohnung zu groß für nur zwei verbliebene Bewohner sei.
Seine Schlussfolgerung, die schwer im Magen liegt: "Erst dann, wenn ich genug Geld habe, um meine Mutter aus dem Bürgergeld zu holen, können wir alle rausgehen."
Quelle: teleschau – der mediendienst