"Braunschlag 1986": Urlaub vom Heute im Gestern
Autor: Eric Leimann
, Montag, 13. Juli 2026
2012 erschuf David Schalko ("Kafka") die österreichische Provinz-Serie "Braunschlag", die als einflussreiches Machwerk österreichischer Humorkunst gilt. 14 Jahre später kehrt das Ensemble um Nicholas Ofczarek, Robert Palfrader und vielen anderen Stars mit der HBO Max-Serie "Braunschlag 1986" zurück.
Als im Herbst 2012 die fiktive Waldviertler Gemeinde Braunschlag in ORF 1 ihren ersten Auftritt hatte, rechnete kaum jemand mit dem, was danach passierte: bis zu 36 Prozent Marktanteil in Österreich, eine Million Zuschauer dienstags zur Primetime - die meistgesehene eigenproduzierte ORF-Serie seit zwei Jahrzehnten! Ausgerechnet für ein Werk, das dessen Schöpfer David Schalko ("Kafka") schlicht so gemacht hatte, "wie es ihm gefallen hat". Womit niemand mehr gerechnet hätte: 14 Jahre später geht das Ganze in die Fortsetzung. Ab Donnerstag, 16. Juli, gibt es eine Zugabe der Provinz-Posse mit Stars wie Nicholas Ofczarek, Robert Palfrader und Nina Proll.
Im Wochenrhythmus erscheinen fünf etwa 45 Minuten lange Episoden von "Braunschlag 1986" bei HBO Max. Die späte zweite Staffel schafft es, fast alle Figuren der damaligen Erzählung um ein erfundenes Marienwunder zu Stadtmarketingzwecken in einer beklemmenden Provinz wiederzuerwecken. Diesmal gibt es statt der religiösen Lüge ein skurriles touristisches Angebot: Braunschlag soll in die Lebenswirklichkeit des Jahres 1986 zurückversetzt werden. Sozusagen als Urlaubsort vom Heute im Gestern.
Um das Phänomen "Braunschlag" zu verstehen, sollte man die alte Serie kennen, auch wenn es für die Fortsetzung nicht zwingend nötig ist: "Braunschlag" war 2012 so österreichisch wie universal. Bürgermeister Gerri Tschach (Palfrader) und sein Freund, der Disco-Betreiber Richard Pfeisinger (Ofczarek), inszenierten in ihrer bankrotten Gemeinde eine gefälschte Marienerscheinung. Pilgermassen strömten, das Geld floss - bis Vatikan, Landeshauptmannschaft, Familienchaos und ein illegales Atommülllager die Dinge aus dem Ruder laufen ließen.
Schwarzer Humor, tiefe Melancholie und ein respektloser Umgang mit Kirche, Korruption und österreichischer Gemütlichkeit machten "Braunschlag" zu einem Kultstück, das Literaturwissenschaftler als politische Allegorie lasen - ein "Welt-Niederösterreich" im Sinne Robert Musils.
David Schalkos österreichisches Absurdistan
Internationale Festivalpreise folgten, US-Remake-Versuche scheiterten, und Schalko schwor jahrelang, die Geschichte sei auserzählt. Dennoch fiel während des Sommers 2025 im Waldviertel, dem nordwestlichen Teil des österreichischen Bundeslandes Niederösterreich, erneut die Filmklappe. "Braunschlag 1986", eigentlich ein Zweiteiler in Spielfilmlänge, der im März 2026 im ORF lief, versammelt beinahe das gesamte Originalensemble. Neben den beiden Hauptdarstellern geben sich unter anderem Raimund Wallisch, Nina Proll, Maria Hofstätter, Simon Schwarz, Stefanie Reinsperger, Manuel Rubey und Nora Waldstätten die Ehre.
Und darum geht es: Bürgermeister Tschach regiert nun per Verordnung, dass in Braunschlag ab sofort das Jahr 1986 herrsche. Inklusive Digital Detox, Retro-Lifestyle und ohne moderne Rollenbilder für Männer und Frauen. Nostalgie als Kommunalpolitik und touristisches Vermarktungskonzept. Es klingt absurd. Es klingt nach Schalko und ist sicher nicht für jeden Serienfan humortechnisch andockbar.
Man muss Schalkos österreichisches Absurdistan der Provinzheinis, aufgeblasenen Fatzkes und verzweifelten Lebensentwürfe schon mögen, um in dieser szenisch bodenständigen und doch erzählerisch abgehobenen Erzählwelt ein Zuhause zu finden. Entsprechend verhielt es sich mit der Rezeption der alten Serie in Deutschland, wo "Braunschlag" nur bei Spartensendern wie RTL Crime oder Einsfestival - dazu beim Bayerischen Rundfunk - und später bei Streamingdiensten zu sehen war. Andererseits gibt es nicht wenige Deutsche, die sich eine DVD kauften und die Schalkos bittere Provinzposse als mit das Beste bezeichnen, was deutschsprachiger Humor in den letzten beiden Jahrzehnten zustande brachte.